Angesichts der anhaltenden russischen Angriffe auf die Infrastruktur in der Ukraine wächst die öffentliche Sorge vor möglichen Engpässen bei der Lebensmittelversorgung. Serhij „Flash“ Beskrestnow, Berater des ukrainischen Präsidenten für die Entwicklung technologischer Verteidigungsbereiche, veröffentlichte in seinem Telegram-Kanal eine ausführliche Ansprache an die Bürger und rief dazu auf, Gerüchten und Panikstimmung nicht nachzugeben. Den Angaben zufolge stellen Hersteller und Händler bereits die Lieferketten um und passen die Logistik an die veränderten Bedingungen an; im Bedarfsfall könnten Lücken in der Lebensmittelversorgung durch Importe aus Europa geschlossen werden.
Umstrukturierung der Lieferketten als Reaktion auf die Angriffe
Beskrestnow betonte, dass mögliche Probleme mit einzelnen Versorgungsketten nicht auf einen unausweichlichen Mangel zurückzuführen seien, sondern auf die Notwendigkeit ihrer Umstrukturierung. „Freunde, wir werden nicht ‚verhungern‘. Gebt Gerüchten, Desinformation und Panikstimmung nicht nach“, schrieb der Berater des Präsidenten. Seiner Einschätzung nach ändern Einzelhandel und Lieferanten bereits die Lieferwege, verlagern Bestände und reorganisieren die Lagerhaltung, was die Folgen der Angriffe auf Verteilzentren minimieren soll.
Europäischer Import als Sicherheitsnetz
Besonders hob Beskrestnow das Reservekonzept zur Sicherung der Lebensmittelversorgung hervor. „Wenn nötig, wird Europa ‚gerne‘ jede Lücke in der Lebensmittelversorgung durch Exporte schließen“, erklärte er. Damit verfüge die Ukraine selbst im ungünstigsten Szenario, in dem die inländischen Lieferketten erheblich gestört seien, über einen Mechanismus zur schnellen Deckung von Engpässen durch Importe aus EU-Ländern – was aus Sicht des Beraters ein systemisches Verhungern ausschließe.
Ziel der Angriffe ist der Großbetrieb, nicht das „Essen“
Im Hinblick auf die Art der russischen Angriffe legte Beskrestnow den Schwerpunkt auf deren wirtschaftliche und nicht humanitäre Ausrichtung. „Unser Feind greift nicht das ‚Essen‘ an. Er greift den Großbetrieb an, der Steuern zahlt und Arbeitsplätze schafft“, erklärte er. Nach seiner Logie zielen die Angriffe auf Verteilzentren und Lagerkomplexe darauf ab, wirtschaftlichen Schaden zuzufügen und das Geschäftsumfeld zu destabilisieren, nicht aber die Bevölkerung an sich von Lebensmitteln zu entziehen. Zugleich rief er die Ukrainer dazu auf, sich auf geprüfte Informationsquellen zu stützen und ungeprüfte Angaben über einen angeblich unausweichlichen Lebensmittelkrisen nicht weiterzuverbreiten.
Widersprüchliche Angaben
Im Text der Ansprache und im begleitenden Kontext von RBC-Ukraine besteht eine erhebliche faktische Spannung. Einerseits hatte das Medium zuvor berichtet, dass Russland bis zu 90 % der Lebensmittellager in der Ukraine zerstört habe – eine Zahl, die für sich genommen die Dimension der Zerstörung der Logistikinfrastruktur unterstreicht. Andererseits stellt der Berater des Präsidenten die Lage als beherrschbar dar: Der Einzelhandel passe sich an, das Sortiment könne vorübergehend schrumpfen, ein systematischer Mangel werde es aber nicht geben. Weder die eine noch die andere Seite nennt unabhängige Daten zum tatsächlichen Ausmaß der zerstörten Lagerkapazitäten, und die Schätzung von 90 % ist von internationalen Beobachtern oder offiziellen Berichten des SBU nicht bestätigt worden. Gleichzeitig werden in den Handelsketten lediglich „vorübergehende Verzögerungen bei der Versorgung und ein gewisser Rückgang des Sortiments“ festgestellt, was nicht ganz mit dem behaupteten Ausmaß der Zerstörungen übereinstimmt. Zwischen der Schadensschätzung und der tatsächlichen Lage in den Regalen bleibt somit eine Lücke, die weder in der Erklärung Beskrestnows noch in den Materialien von RBC-Ukraine geklärt wird.
Kontext der anhaltenden Angriffe
Die Erklärung Beskrestnows erfolgte vor dem Hintergrund anhaltender Drohnenangriffe auf die ukrainische Infrastruktur. In früheren Äußerungen hatte er erklärt, warum die Angriffe aus nördlicher Richtung, einschließlich der Nutzung von Relais in Belarus, fortgesetzt würden, wenn auch nicht im Modus der permanenten Online-Beobachtung. Dies deutet darauf hin, dass die Bedrohung für Logistik und Energieversorgung mittelfristig anhält und die Umstrukturierung der Lieferketten keine einmalige Maßnahme, sondern ein langwieriger Prozess ist, der sowohl von Unternehmen als auch von Verbrauchern Widerstandsfähigkeit erfordert.