Das Wettrüsten im Bereich der künstlichen Intelligenz ist an einen gefährlichen Punkt finanzieller Ungleichgewichte gelangt. Wie die Wall Street Journal berichtet, hat sich die Lücke zwischen den Gesamtinvestitionen in die KI-Infrastruktur – Rechenzentren, Chips, Energie und bilanzfreie Verpflichtungen – und dem tatsächlichen Umsatz, den die auf neuronalen Netzen basierenden Endprodukte generieren, auf die enorme Marke von 1,5 Bio. USD ausgeweitet. Laut dem Blatt wird das Gesamttempo der Unternehmensinvestitionen und Ausgaben für die KI-Infrastruktur bereits mit Billionen von US-Dollar pro Jahr beziffert, während der direkte Umsatz der End-KI-Dienste und -Modelle weiterhin nur im Bereich von Dutzenden, nicht aber von Hunderten Milliarden liegt. Vor diesem Hintergrund stellen Investoren und Analysten immer lauter die entscheidende Frage: Wann beginnen die riesigen Rechenzentren und Millionen von Grafikprozessoren, einen vergleichbaren Gewinn abzuwerfen – oder bildet sich am Markt eine Blase?

Chronik der wachsenden Lücke: von 200 Mrd. auf 840 Mrd.

Der Venture-Markt verfolgt diese Disproportion anhand der Berechnungen von David Kan, Partner beim Fonds Sequoia Capital, dessen Berichte zu einer Art Barometer der Überhitzung der Branche geworden sind. Im September 2023 veröffentlichte er das Essay „AI's $200B Question“, in dem er den für die Amortisation erforderlichen Umsatz auf rund 200 Mrd. USD schätzte – das war die Schwelle, die nötig war, um die Kosten für Nvidia-Chips und die Rechenzentrumsinfrastruktur zu decken. Bereits im Juni 2024 stieg diese Schwelle in der Fortsetzung „AI's $600B Question“ vor dem Hintergrund der euphorischen Chipkäufe der Hyperscaler – Microsoft, Meta und Alphabet – im Erwartungsfall eines explosionsartigen Nachfrageanstiegs dreifach auf 600 Mrd. USD an. In der Überarbeitung der Berechnungen für 2025–2026, unter Berücksichtigung des Ausbaus neuer Gigawatt-Rechenzentren, der Veröffentlichung von Chips der Blackwell-Architektur und des Anstiegs des Energieverbrauchs, sprang die für die Rechtfertigung der Kapitalinvestitionen erforderliche Umsatzschwelle auf 840 Mrd. USD pro Jahr hoch.

Gleichzeitig beläuft sich der Gesamtjahresumsatz der führenden Anbieter generativer KI – OpenAI, Anthropic und anderer – zusammen mit den einschlägigen KI-Einnahmen der Cloud-Anbieter nach Marktschätzungen nur auf rund 100–120 Mrd. USD. Das bedeutet ein sechsfaches oder noch größeres Defizit der tatsächlichen Monetarisierung gegenüber der berechneten Break-even-Schwelle, was eine beispiellose „Lücke“ in der Amortisation erzeugt.

Warum Unternehmen „ins Blaue hinein“ Geld ausgeben: drei systemische Faktoren

Der aktuelle Investitionsboom stützt sich auf mehrere systemische Faktoren und Risiken. Der erste ist das sogenannte FOMO-Syndrom der Big Techs: Die Chefs der Technologieriesen geben offen zu, dass ihnen das Risiko, zu wenig in KI zu investieren und dauerhaft den Anschluss zu verlieren, beängstigender erscheint als das Risiko, Hunderte Milliarden umsonst auszugeben. Die Kapitalausgaben der „Big Four“ – Microsoft, Alphabet, Meta und Amazon – haben die Marke von Hunderten Milliarden US-Dollar pro Jahr überschritten, und die bilanzfreien Verpflichtungen aus Server- und Energie-Leasing erreichen Rekordwerte. Der zweite Faktor ist das Monetarisierungsproblem beim Endkunden: Umfragen zeigen, dass die überwiegende Mehrheit der unternehmensweiten Pilotprojekte zur Einführung generativer KI bislang keine messbare Rendite auf die Investition (ROI) erzielt, und die Unternehmen sind nicht bereit, ihre Budgets für kommerzielle Abonnements mehrfach zu erhöhen. Der dritte Faktor ist die Logik der „Spatenverkäufer“: Der einzige unbestrittene Profiteur des Booms bleibt der Hardware-Sektor unter Führung von Nvidia, der übergroße Gewinne verbucht. Wenn jedoch die Endgeschäfte nicht beginnen, mit der Einführung der Modelle massenhaft Geld zu verdienen, werden die Serverkäufe unweigerlich abflauen, was den gesamten Aktienmarkt treffen wird.

Widersprüchliche Daten

Es ist wichtig, die Diskrepanzen in den Zahlen und Schätzungen, die in verschiedenen Quellen genannt werden, ehrlich zu benennen. Erstens: Die Schlagzeilen-Zahl der WSJ über die Lücke von 1,5 Bio. USD und die Schwelle von David Kan von 840 Mrd. USD – das sind unterschiedliche Methodologien: Die erste spiegelt das Gesamttempo der Unternehmensinvestitionen und bilanzfreien Verpflichtungen für die KI-Infrastruktur wider, die zweite den berechneten Umsatz, der für die Amortisation der Kapitalinvestitionen erforderlich ist. Es wäre ein Fehler, sie als „das Gleiche“ zu vergleichen, obwohl beide auf dasselbe systemische Ungleichgewicht hinweisen. Zweitens: Die Schätzung des tatsächlichen Umsatzes der KI-Industrie in Höhe von 100–120 Mrd. USD ist eine ungefähre Marktschätzung und kein exakter buchhalterischer Fakt, und verschiedene Analysten können andere Spannen angeben. Drittens: Unter den Experten herrscht kein Konsens über die Interpretation: Ein Teil der Wall-Street-Beobachter spricht offen von einer sich bildenden Blase und dem Risiko einer Korrektur, während andere die aktuellen Kapitalausgaben als rationale Vorsichtsmaßnahme für den Fall eines technologischen Durchbruchs betrachten. Beide Ansichten existieren gleichzeitig, und das endgültige Urteil wird der Markt erst nach den Berichten der Big Techs und von Nvidia fällen.

Was kommt als Nächstes: unvermeidliches „Abflauen“ oder Durchbruch zum AGI?

Die Wall-Street-Experten sind sich einig, dass der Markt in eine Phase der Besinnung eintritt. Nur zwei Szenarien können die aktuelle Investitionslücke rechtfertigen. Entweder wird ein qualitativer technologischer Sprung auf das Niveau eines zuverlässigen AGI und autonomer KI-Agenten erfolgen, die Millionen von Arbeitsstunden im Unternehmenssektor ersetzen und damit den Umsatz der Enddienste mehrfach steigern können. Oder uns erwartet eine langanhaltende Stagnation und eine Korrektur der Big-Tech-Kurse, vergleichbar mit der Dotcom-Krise Anfang der 2000er, als die überdimensional errichtete Telekommunikationsinfrastruktur fast ein ganzes Jahrzehnt auf die tatsächliche Nachfrage wartete. Gerade in den kommenden Quartalsberichten werden die Investoren die Antwort auf die große „Frage nach 1,5 Billionen“ suchen.