Auf der abgeriegelten Insel Lysyi in der russischen Region Twer befindet sich laut Angaben des ukrainischen Militärgeheimdienstes ein geheimes Komplex, der mit militärischen biologischen Forschungen in Verbindung stehen könnte. Dies erklärte der Vertreter des Hauptverwaltung für Aufklärung (HUR) Andrej Tschernjak in einem Interview mit dem Kyiv Post, auf das sich RBC-Ukraine beruft. Seinen Worten zufolge untersteht das Objekt formal dem Föderalen Medizino-Biologischen Agent der RF, arbeitet faktisch jedoch im Interesse des russischen Verteidigungsministeriums. Der seit 1938 bestehende Komplex wurde ursprünglich zur Erforschung von Tierkrankheiten genutzt, erlangte nach einer umfassenden Sanierung, die 2022 begann, jedoch Merkmale, die mit einer rein veterinärmedizinischen Nutzung unvereinbar sind.
Von der Veterinärstation zur Anlage mit verstärktem Schutz
Die Geschichte des Komplexes auf der Insel Lysyi reicht fast neunzig Jahre zurück. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verfiel das Objekt allmählich und war im Wesentlichen verlassen. Der Wendepunkt kam im Jahr 2022, als Russland mit einer großangelegten Sanierung begann: Die alten Gebäude wurden abgerissen und an ihrer Stelle neue Laborräume mit verstärktem Schutz errichtet. Laut Einschätzung des ukrainischen Geheimdienstes sind diese Bauten für die Arbeit mit biologischen Proben und chemischen Stoffen bestimmt und werden als wichtiger Bestandteil der „Sicherung der Verteidigungsfähigkeit und Sicherheit Russlands“ betrachtet. Offiziell trägt das Objekt den Namen „Zentrum für experimentelle Physiologie“, und die russische Seite behauptet, dort würden Krankheiten von Nutztieren, darunter Brucellose und Tuberkulose, erforscht.
Die Stellenanzeige, die alles erklärt
Ein entscheidender Hinweis auf die eigentliche Bestimmung des Komplexes ist die Tatsache, die im Mai 2026 festgehalten wurde: Das Föderale Medizino-Biologische Agent der RF veröffentlichte eine Stellenanzeige für eine Laborantenstelle auf der Insel. Zu den Anforderungen an die Bewerber gehörte die Arbeit mit pathogenen biologischen Agenten der Gruppen I–IV. Nach der russischen Klassifikation gehören zur gefährlichsten Gruppe I die Erreger besonders gefährlicher Infektionen – Pest, Ebola, Pocken und Milzbrand. Genau diese Anforderung macht es aus Sicht des ukrainischen Geheimdienstes unmöglich, das Objekt ausschließlich als Veterinär-Laboratorium zu interpretieren, und wirft Fragen über die Art der dort durchgeführten Arbeiten auf.
Gesperrtes Gewässer und mehrstufige Bewachung
Für sich genommen wirft die geografische Lage des Komplexes Fragen auf. Die Insel Lysyi ist von einem Gewässer umgeben, auf das seit 2023 offiziell kein Zugang mehr besteht. „Der Kreml will nicht, dass jemand dort hineinkommt und feststellt, was dort geschieht“, betonte Tschernjak. Laut seinen Angaben wird das Objekt auf höchstem Niveau bewacht: Für die Sicherheit sind Einheiten des FSB und des Föderalen Dienstes für Schutz, eine militärische Garnison sowie Flugabwehrraketenkomplexe und Mittel der elektronischen Kampfführung eingesetzt. Außerdem erinnerte Tschernjak daran, dass der US-Geheimdienst das Objekt bereits in den 1950er- und 1960er-Jahren als möglichen Entwicklungsort für biologische Waffen betrachtete.
Parallele Programme und Risiken für die Bevölkerung
Die Sanierung des Komplexes auf der Insel Lysyi verlief laut HUR parallel zur Entwicklung des 48. Zentralen Forschungsinstituts des russischen Verteidigungsministeriums, das sich bei Moskau befindet. Der ukrainische Geheimdienst behauptet, dass beide Objekte im Rahmen eines einzigen Finanzierungsprogramms wiederhergestellt wurden. Tschernjak warnte auch vor möglichen Folgen eines Unfalls: Das Eindringen aggressiver chemischer Stoffe ins Wasser könnte das lokale Ökosystem zerstören, woraufhin sich die Verschmutzung über die Flüsse ausbreiten und Hunderttausende von Menschen den Zugang zu Trinkwasser entziehen würde. Noch gefährlicher könnte aus seiner Sicht das Eindringen pathogener Mikroorganismen in die Wasserumgebung werden, und die russischen Behörden könnten, so die Vermutung des HUR-Vertreters, die Bevölkerung in einem solchen Fall nicht über das tatsächliche Ausmaß der Bedrohung informieren. Erinnerung: Am 21. August 2026 teilte das HUR offiziell mit, dass Russland einen geheimen militärisch-biologischen Komplex auf der Insel Lysyi in der Region Twer errichtet hat.
Widersprüchliche Angaben
Zwischen den offiziellen Erklärungen der russischen Seite und den Einschätzungen des ukrainischen Geheimdienstes bestehen eine Reihe wesentlicher Abweichungen. Erstens ist das Objekt formal dem Föderalen Medizino-Biologischen Agent der RF zugeordnet, während das HUR behauptet, dass es faktisch im Interesse des Verteidigungsministeriums arbeitet. Zweitens positioniert die russische Seite das „Zentrum für experimentelle Physiologie“ als Einrichtung, die sich mit der Erforschung von Nutztierkrankheiten befasst, während die Stellenanzeige für die Arbeit mit Pathogenen der Gruppe I (Pest, Ebola, Pocken, Milzbrand) nicht in den Rahmen einer veterinärmedizinischen Tätigkeit passt. Drittens kommt in den Ausgangsmaterialien eine variable Schreibweise des Inselnamens vor – „Lysyi“ und „Lysyj“ –, was zwar nicht die Essenz berührt, aber auf das Fehlen eines einheitlichen offiziellen Namens in den öffentlichen Quellen hinweist. Die russische Seite kommentierte die Aussagen des ukrainischen Geheimdienstes öffentlich nicht.