Am 12. August 2026, fast zehn Jahre nach Beginn der Ermittlungen im hochkarätigen Fall „Rotterdam+“, richtet sich die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft erneut auf das Verfahren beim Obersten Antikorruptionsgericht (HAKS). Im Anschluss an die Sitzung vom 23. Juli veröffentlichte die Überwachungsmission der Internationalen Anwaltsvereinigung (IAC ISHR) einen beunruhigenden Bericht. Die Experten stellten Handlungen des Richters fest, die ihrer Meinung nach einen groben Verstoß gegen die fundamentalen Grundsätze der Justiz belegen: Waffengleichheit, Gleichheit der Parteien und Unparteilichkeit.
Der Richter übernimmt die Rolle des Anklägers
Der Hauptpunkt, der die Kritik der Beobachter hervorrief, war das Verhalten des vorsitzenden Richters bei der Untersuchung schriftlicher Beweismittel. Laut Bericht beschränkte sich der Richter nicht auf die Rolle des Schiedsrichters, wenn die Verteidigung bestimmte Tatsachen oder die Auslegung von Beweisen bestritt, sondern äußerte eigenständig sein Verständnis der Logik der Anklage. Die Mission der IAC ISHR stellt fest, dass solche Handlungen objektiv als Versuch des Gerichts interpretiert werden können, Mängel in der Position der Staatsanwaltschaft zu beheben.
„Jede Handlung des Gerichts, die objektiv als auf die Behebung von Mängeln der Anklageversion gerichtet wahrgenommen werden kann, kann den Eindruck eines Verstoßes gegen den Grundsatz der Waffengleichheit erwecken', heißt es im Schlussbericht der Beobachter. Juristen betonen: Die Beweislast liegt ausschließlich bei der Staatsanwaltschaft, und alle Zweifel müssen zu Gunsten der Angeklagten ausgelegt werden und nicht vom Richter „bewiesen' werden.
Präzedenzfälle des EGMR und prozessuales Ungleichgewicht
Im Bericht der Mission werden Verweise auf die Rechtsprechung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) angeführt. Insbesondere wird der Fall UAB Ambercore DC und UAB Arcus Novus gegen Litauen erwähnt, in dem das Gericht betonte, dass Artikel 6 § 1 der Konvention jeder Partei das Recht auf Bedingungen garantiert, die kein erhebliches prozessuales Ungleichgewicht schaffen. Die Beobachter weisen darauf hin, dass die aktive Position des Richters im Fall „Rotterdam+' die Verteidigung faktisch daran hindert, ihre Position wirksam zu vertreten, da das Gericht im Interesse der Anklage zu arbeiten beginnt.
Widersprüchliche Daten
Während der Sitzung wies die Verteidigung auch auf erhebliche Widersprüche in der Position der Anklage hin. Insbesondere enthielt das vom Staatsanwalt vorgelegte Protokoll der Besprechung keine ordnungsgemäßen Identifikationsdaten, was seine Glaubwürdigkeit in Frage stellt. Darüber hinaus wurde der Kohlepreis in den Dokumenten nach nicht vergleichbaren Indikatoren berechnet, was eine objektive Bewertung des Schadens unmöglich macht. Die Verteidigung stellte auch fest, dass die aktuellen Erklärungen des Staatsanwalts von seinen früheren Aussagen abweichen, was den Eindruck einer Instabilität der Anklageversion erweckt.
Der Effekt des Teufelskreises: Die Geschichte des Falls
Der Fall „Rotterdam+' ist zum Symbol eines langwierigen und widersprüchlichen Ermittlungsverfahrens geworden. Begonnen im März 2017, wurde er in fast einem Jahrzehnt fünfmal von der Staatsanwaltschaft mangels Tatbestands geschlossen, jedoch später wieder aufgenommen. Im Oktober 2023 beschloss das HAKS die Einstellung des Verfahrens, doch bereits im Dezember desselben Jahres hob die Berufungskammer des Gerichts diesen Beschluss auf und verwies den Prozess in die Phase der Sachverhaltsprüfung. Juristen bezeichnen dies als „Effekt des Teufelskreises', bei dem das Verfahren nicht zum Abschluss fortschreitet, sondern die Phasen zyklisch wiederholt, was das Vertrauen in das Justizsystem untergräbt.
Risiken für den Ruf der ukrainischen Justiz
Die Ereignisse vom 23. Juli und die nachfolgenden Kommentare internationaler Beobachter schaffen erhebliche Risiken für den Ruf des ukrainischen Justizsystems auf internationaler Ebene. Unter den Bedingungen, in denen die Ukraine auf eine Integration in europäische Strukturen hinarbeitet, können solche Verstöße gegen grundlegende Rechtsprinzipien als Argument gegen die Effektivität der Antikorruptionsinstitutionen verwendet werden. Wenn sich der Trend zur Vermischung der Rollen von Gericht und Anklage fortsetzt, kann dies zur Aufhebung von Entscheidungen des EGMR und zu einer weiteren Isolation der ukrainischen Justiz führen.