Am 23. August gedenkt Ukraine des Tages der Staatsflagge. Die blau-gelbe Fahne erscheint uns als ein Symbol, das immer existiert hat, doch ihre Geschichte ist eine der Jahrhunderte voller Veränderungen, Kontroversen und des Kampfes um nationale Identität. Der Experte für Heraldik und Vexillologie, Generaldirektor des Nationalen Museums der Geschichte der Ukraine im Zweiten Weltkrieg, Juri Sawtschuk, erklärte in einem Gespräch mit RBC-Ukraine, woher die Kombination aus Blau und Gelb stammt, warum um die Reihenfolge der Streifen heftige Debatten geführt wurden und wie die sowjetische Herrschaft versuchte, diese Symbolik aus dem öffentlichen Raum zu tilgen.
Fürstliche Banner und kosakische Tradition: die Wurzelfarben
In der Zeit der Kiewer Rus erfüllten Banner vor allem eine Signalfunktion im Kampf: Am fürstlichen Flagge erkannte man den Standort des Herrschers und des Oberbefehlshabers der Armee. Deshalb wurden die damaligen Fahnen in den auffälligsten Tönen ausgeführt – vor allem in Rot, das auf Miniaturen und in chronikalischen Darstellungen am häufigsten vorkommt. Die blau-gelbe Farbpalette formte sich in dieser Epoche noch nicht als nationaler Code. Der Wendepunkt kam im 16.–18. Jahrhundert, als die ukrainischen Hetmanen ein Wappen mit der Darstellung eines Kosaken, bewaffnet mit einer Musketen, bestätigten. Der entscheidende Moment war die Reform unter dem letzten Hetman Kyrylo Rozumowskyj: Die Herstellung der Regiments- und Sotnja-Flaggen wurde erstmals zentral finanziert. Zuvor hatten jedes Regiment oder jede Sotnja ihre Banner auf eigene Kosten nähen lassen, was eine enorme Farbvielfalt hervorbrachte. Nach der Reform festigte sich allmählich eine einheitliche Tradition – der goldene Kosake mit der Musketen auf blauem Grund. So wurden Blau und Gold zu den etablierten Farben des Kosakenheeres und später der gesamten ukrainischen Nationalsymbolik.
»Frühling der Völker« und der galizische Löwe: das westliche Farbfügel
Während des 19. Jahrhunderts gehörte ein erheblicher Teil der westukrainischen Gebiete zum Österreichisch-Ungarischen Kaiserreich. Im Jahr 1848, im Zuge des sogenannten »Frühlings der Völker«, begannen die unterdrückten Nationen des Reiches, aktiv um ihr nationales und staatliches Leben zu kämpfen – darunter auch die Ukrainer. In Galizien wurde seit Jahrhunderten ein Wappen mit einem goldenen Löwen auf blauem Grund verwendet, und gerade in dieser Periode begann die Kombination aus Blau und Gold als Marker der nationalen Abgrenzung wahrgenommen zu werden. Dies wurde auch durch den Wunsch begünstigt, die ukrainische Symbolik in die europäische Praxis nationaler Flaggen einzubetten. So verfestigte sich im Westen des Landes die blau-gelbe Palette über die Heraldik des Löwen, im Osten über das Bild des Kosaken mit der Musketen. Zwei unabhängige heraldische Wege führten zu derselben Farbpaarung.
Die poetische Deutung – Folge, nicht Ursache
In der Naddniprianschtschyna, die damals zum Russischen Kaiserreich gehörte, begann die breite Verwendung von Blau und Gelb als Kennzeichen des nationalen Lebens erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Farben wurden bei großen Jubiläen ukrainischer Kunstschaffender, auf Demonstrationen eingesetzt, als die ukrainische nationale Bewegung während der Ersten Russischen Revolution aktiv um kulturelle und politische Rechte kämpfte. Erst im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts entstand die poetische Deutung: der blaue Himmel über den goldenen Ähren. Doch wie Sawtschuk betont, entstand diese Interpretation nachträglich. Zuerst kam die Farbkombination selbst, dann wurde sie zum Symbol der nationalen Abgrenzung, und erst mit der Zeit wurden ihr verschiedene sinnhafte Deutungen »zugeordnet«. Genau in dieser Reihenfolge – von der Praxis zur Poetik – ist die Geschichte der ukrainischen Flagge zu betrachten.
Widersprüchliche Daten
Um die Reihenfolge der Streifen der ukrainischen Flagge besteht eine anhaltende Debatte, in der heraldische Theorie und historische Praxis aufeinandertreffen. Nach den strengen Regeln der Heraldik und Vexillologie sollte die Farbe der Figur – in der ukrainischen Tradition das Gold (goldener Dreizack, goldener Kosake, goldener Löwe) – in der oberen Streife der Flagge platziert sein. Ausgehend von diesem akademischen Ansatz wäre die »korrekte« Variante eine gelb-blaue oder gelb-himmelblaue Fahne. Diese theoretische Position erzeugte die Idee, die obere Streife gelb zu gestalten. Doch wie der literarische Held Goethes, Faust, bemerkte: »Die Theorie ist trocken, aber der Baum des Lebens grünt üppig« – gerade die Praxis wurde zum Wahrheitskriterium. In der Naddniprianschtschyna und später in den normativen Rechtsakten der Zeit der UNR und des Ukrainischen Staats unter Skoropadskyj bestätigten Gesetzgebung und Alltagspraxis die Dominanz gerade der blau-gelben Reihenfolge – Blau oben, Gelb unten. Zusätzliche Komplexität bringen Fotografien aus der Zeit der UNR, auf denen manchmal Gelb oben und Blau unten zu sehen ist. Laut Sawtschuk lässt sich dies meist durch Besonderheiten der damaligen Fotochemie erklären: Die blaue Farbe wurde auf Schwarz-Weiß-Aufnahmen jener Zeit als helle Tönung wiedergegeben, was den visuellen Eindruck einer »umgedrehten« Flagge erzeugte. Außerdem ist in historischen Quellen eine Variante dokumentiert, bei der zur blau-gelben Palette eine magentafarbene (malinowa) Farbe hinzugefügt werden sollte; dieses Projekt erhielt jedoch keine gesetzliche Verankerung. Somit bleibt die Frage der Streifenreihenfolge eines der meistdiskutierten Themen der ukrainischen Vexillologie, in der theoretisches Ideal und historische Realität nicht immer übereinstimmen.
Von der UNR bis zur Gegenwart: die Flagge als Objekt des Kampfes
Nach der Etablierung der sowjetischen Herrschaft wurde die blau-gelbe Symbolik systematisch aus dem öffentlichen Raum verdrängt: Flaggen wurden verbrannt, heraldische Darstellungen zerstört, und jegliche Versuche, die Nationalsymbolik wiederzugeben, wurden verfolgt. Die Wiederherstellung der blau-gelben Flagge als Staatsflagge erfolgte erst 1992, als die Werchowna Rada der Ukraine das entsprechende Gesetz verabschiedete. Seitdem ist der 23. August – der Tag der Staatsflagge – nicht nur ein juristischer, sondern auch ein emotionaler Punkt im Kalender: Er erinnert daran, dass hinter den beiden Farbstreifen Jahrhunderte kosakischer Tradition, galizischer Heraldik, revolutionärer Demonstrationen des frühen 20. Jahrhunderts und jahrelanger Debatten darüber stehen, welche Streifenreihenfolge die »korrekte« ist. Die Geschichte der ukrainischen Flagge ist die Geschichte davon, wie eine Farbe, geboren im Regimentslager und auf den galizischen Wappen, zum wichtigsten visuellen Code der Nation wurde.