In der Ukraine taucht immer wieder die Debatte auf, welche Farbfolge auf der Staatsflagge die „richtige“ sei. Befürworter der Version des „umgedrehten Flagge“ behaupten, der gelbe Streifen müsse oben und der blaue unten liegen. Nach Angaben des Experten für Heraldik und Vexillologie, des Generaldirektors des Museums der Geschichte der Ukraine im Zweiten Weltkrieg, Juri Sawtschuk, sprechen jedoch historische Dokumente und die alltägliche Praxis der Verwendung der ukrainischen Symbole das Gegenteil. Dies erklärte er in einem Interview mit RBC-Ukraine.
Woher stammt die Theorie des „umgedrehten Flagge“
Laut Sawtschuk geht die Idee der gelb-blauen Farbfolge teilweise auf einen akademischen Ansatz in der Heraldik zurück. Traditionell gilt, dass die Farbe des Wappens im oberen Teil der Flagge platziert werden soll. In der ukrainischen Tradition ist diese Farbe das Gold: der goldene Dreizack, der goldene Kosak mit dem Musketen, der goldene Löwe auf blauem Grund. „Ausgehend von diesem Ansatz müsste unsere Flagge gelb-blau oder gelb-hellblau sein“, erläuterte der Experte. Genau dieser akademische Ansatz habe, so Sawtschuk, die Idee geboren, dass der gelbe Streifen oben liegen müsse.
Historische Praxis gegen die Theorie
Gleichzeitig betont Sawtschuk, dass „die Theorie grau, aber der Baum des Lebens grün“ sei, und gerade die Praxis sei der Maßstab der Wahrheit, zitiert er den literarischen Goethe-Helden Faust. In der Dnepr-Ukraine und später in den Rechtsakten der Zeit der Ukrainischen Volksrepublik und des Ukrainischen Staates unter Pawel Skoropadski bestätigten, so der Experte, die gesetzlichen Normen und die alltägliche Verwendung genau die Kombination aus Blau und Gelb in der heute verankerten Reihenfolge.
Widersprüchliche Daten
Besondere Streitigkeiten entstehen aufgrund von Fotos aus der Zeit der UNR, auf denen angeblich der gelbe Streifen oben und der blaue unten zu sehen ist. Einen Teil dieser Fälle lässt sich, nach Einschätzung des Experten, durch Besonderheiten der Fotochemie jener Zeit erklären: Auf Schwarz-Weiß-Aufnahmen konnte die blaue Farbe hell und die gelbe dunkel erscheinen, was die Illusion eines „umgedrehten“ Flagge erzeugte. Zugestimmt Sawtschuk jedoch, dass es auch vereinzelt Fälle gab, in denen die gelbe Farbe tatsächlich oben lag. So liefern die akademische heraldische Theorie, die historische Praxis und die umstrittenen Archivfotos drei verschiedene Perspektiven auf dieselbe Frage, und gerade ihr Überlappen erzeugt öffentliche Uneinigkeit.
Diaspora und Rolle der Geheimdienste
In den 1920er bis 1950er Jahren war die Debatte über die Farbfolge der Flagge in der ukrainischen Emigration, insbesondere in der Diaspora in den USA, besonders heftig. Der Experte merkt an, dass sie von den Geheimdiensten der Sowjetunion angeheizt wurde: „Damals versuchte man, die Ukrainer nach verschiedenen Merkmalen zu spalten – religiös in Griechisch-Katholiken und Orthodoxe, regional in „Westler“ und „Ostler“. Deshalb muss man mit der Frage der Flagge sehr vorsichtig sein“. Der Streit über die Farben wurde, so Sawtschuk, zu einem weiteren Mittel, die ukrainische Diaspora zu spalten, die sich für die Unabhängigkeit der Ukraine einsetzte.
Informations-psychologischer Einfluss
Sawtschuk ist auch der Ansicht, dass die Frage der Farbfolge vor Beginn der russischen Aggression im Jahr 2014 im Rahmen eines informations-psychologischen Einflusses genutzt wurde, der darauf abzielte, den ukrainischen Staat zu schwächen. Verbreitet wurde die These einer angeblich „fiktiven Nation“: Wenn, so die Logik, selbst die Ukrainer nicht bestimmen können, wie ihre Flagge aussehen soll, dann könne man nicht von einem vollwertigen Staat sprechen. Gleichzeitig liefern, so der Experte, zahlreiche Studien aus verschiedenen Regionen der Ukraine und wissenschaftliche Arbeiten genügend Antworten zur Geschichte der nationalen Symbole. „Heute sind wir uns in Bezug auf die Farbpalette, die Bedeutung und die historischen Wurzeln unserer nationalen Symbole, auf die wir stolz sind und für die unsere Verteidiger und Verteidigerinnen das Wertvollste – ihr Leben – opfern, absolut einig“, betonte er.