Am 8. September 2026 ist die ukrainische Journalistin, Dissidentin und Aktivistin Margareta Dovhan im Alter von 95 Jahren verstorben. Dies teilte ihre Tochter Kateryna Dovhan in den sozialen Medien mit und erklärte, dass die Beerdigung im kleinen Kreis stattfinden werde; Informationen zur Gedenkveranstaltung werde die Familie später veröffentlichen. Laut ihren Angehörigen hat Margareta Dovhan nur drei Tage auf ihren 96. Geburtstag nicht mehr erlebt – ihr Geburtstag fällt auf den 11. September. Der Verlust ist ein bedeutendes Ereignis für die ukrainische Kultur und die Menschenrechtsbewegung, da Dovhan über Jahrzehnte hinweg eines der Symbole der Kiewer Dissidentenbewegung und die Stimme derer war, die von der Sowjetmacht verfolgt wurden.
Vertreterin der Sechzigerbewegung aus dem Kreis von Stus und Kostenko
Margareta Dovhan wurde 1930 in Taschkent geboren, wohin ihre Familie wegen der stalinistischen Repressionen hatte umziehen müssen. 1944 ließ sich die Familie in Kiew nieder, wo Dovhan anschließend ein Journalistikstudium an der Taras-Schewtschenko-Universität absolvierte und in den Zeitungen „Abendliches Kiew“ und „Freund des Lesers“ arbeitete. In den 1960er-Jahren trat sie zusammen mit ihrem Mann, dem Bildhauer Borys Dovhan, dem Kiewer Kreis der Sechzigerbewegung bei: Sie organisierte Literaturabende, befreundete sich mit ukrainischen Künstlern und Schriftstellern und unterstützte aktiv die von der Sowjetmacht Verfolgten. Genau in dieser Zeit entstanden ihre langjährigen Bindungen zu Wassyl Stus und Lina Kostenko.
Vorladung durch den KGB und die langjährige Verbindung zu Wassyl Stus
Ein Wendepunkt war der Herbst 1965: Nach einem von Dovhan organisierten Dichtabend, auf dem unter anderem Wassyl Stus und Lina Kostenko auftraten, wurde sie vom KGB vorgeladen und verlor schließlich ihren Job. Zuvor hatte die Journalistin drei Jahre lang gemeinsam mit Stus in der Informationsabteilung des Ministeriums für die Industrie der Baumaterialien gearbeitet. Nach seiner Verhaftung und Inhaftierung brach Dovhan den Kontakt zu ihm nicht ab: Sie korrespondierte mit dem Dichter und half seiner Frau Walentyna Popeluch. „Am meisten habe ich Wassyl Stus geschrieben. Ich habe versucht, seine Frau Walehka zu unterstützen“, erinnerte sich Dovhan selbst in einem Interview. Im September 1985, nach der Nachricht vom Tod des Dichters, begab sie sich zusammen mit einer Freundin in das Lager in Kutschino, in der Hoffnung, seinen Leichnam in die Ukraine zurückbringen zu können; vor Ort erfuhr man jedoch, dass Stus bereits begraben worden war.
Vom Dissidententum zur gesellschaftlichen Tätigkeit
Nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Systems setzte Dovhan ihre öffentliche Tätigkeit nun in der unabhängigen Ukraine fort. Anfang der 1990er-Jahre arbeitete sie in der Volksbewegung der Ukraine, später nahm sie an der Orangen Revolution und der Revolution der Würde teil. Damit umfasst ihre Biografie nahezu die gesamte Nachkriegs- und Neuzeitgeschichte des Landes – von den stalinistischen Repressionen und dem dissidentischen Untergrund bis hin zu den modernen Bürgerbewegungen –, was sie zu einer seltenen lebendigen Verbindung zwischen den Generationen macht.
„Kliniknotizen“: die Stimme der verwundeten Soldaten
Ende 2014, vor dem Hintergrund des großflächigen Konflikts im Osten der Ukraine, begann Dovhan, verwundete ukrainische Soldaten in einem Kiewer Krankenhaus zu besuchen. Ihre persönlichen Geschichten und Erlebnisse bildeten die Grundlage ihres Buches „Kliniknotizen. Februar 2015 – März 2018“, das 2018 veröffentlicht wurde. Dieses Werk wurde zum abschließenden Akzent ihrer journalistischen und menschlichen Mission – die Schicksale von Menschen zu dokumentieren, die, wie sie selbst in den 1960er-Jahren, an der Schnittstelle zwischen persönlicher Tragödie und großer Geschichte standen.
Die Verabschiedung
Die Familie von Margareta Dovhan teilte ihren Tod am 8. September mit und bat um Verständnis dafür, dass die Beerdigung in privater Form stattfinden werde. Über Datum und Ort der Gedenkveranstaltung werde gesondert informiert. Mit ihrem Tod drei Tage vor ihrem 96. Geburtstag hinterlässt Dovhan ein Vermächtnis, das weit über einen einzelnen Beruf hinausgeht: Es ist die dissidentische Standhaftigkeit, die langjährige Freundschaft mit Wassyl Stus, das bürgerliche Engagement bei den Schlüsselereignissen der unabhängigen Ukraine und das Buch, in dem die Stimmen verwundeter Soldaten erklingen.