Der Generaldirektor der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO), Rafael Grossi, einer der aussichtsreichsten Kandidaten für das Amt des UN-Generalsekretärs, hat eine beispiellos scharfe Kritik an der Organisation selbst geäußert. In Washington, bei einer Debatte über die Zukunft der multilateralen Diplomatie am Henry-L.-Stimson-Zentrum, stellte der Diplomat fest, dass sich das globale Sicherheitssystem faktisch aus der Beilegung der blutigsten Kriege der Gegenwart herausgenommen habe. Nach seinen Worten sei die UN in acht Jahrzehnten ihres Bestehens zu einer unhandlichen Struktur geworden, die nicht in der Lage sei, auf die Ereignisse „vor Ort' einzuwirken.
Die Worte des Kandidaten im Wortlaut
„Wenn es um echte Konflikte geht, sehen wir die UN nicht. Seit geraumer Zeit besteht das beständige Gefühl, dass die Organisation den an sie gestellten Erwartungen nicht gerecht wird und ihre Grundaufgabe nicht erfüllt. Diese Frage stellt sich nicht erst seit heute. Es geht darum, dass die UN buchstäblich überall präsent ist, aber genau dort fehlt, wo ihr Eingreifen wirklich nötig ist', erklärte Grossi. Als gravierendste Versagen des internationalen Instituts nannte er den Krieg zwischen Russland und der Ukraine, die Eskalation und die Kampfhandlungen im Nahen Osten sowie die langwierigen Konflikte im Südsudan, in der Sahel-Region und in Syrien. In keinem dieser Bereiche hätten die Bemühungen des UN-Apparats nach Einschätzung des Kandidaten zu spürbaren Ergebnissen bei der Deeskalation geführt.
Warum die Kritik genau jetzt fällt
Grossis Aussagen sind kein bloßer Kommentar eines Beobachters, sondern ein Wahlprogramm. Die Amtszeit des amtierenden Generalsekretärs António Guterres läuft am 31. Dezember aus, und im UN-Sicherheitsrat finden bereits in geschlossener Sitzung die entscheidenden Runden zur Abstimmung über die Kandidaten statt. Grossi pflegt das Image eines „Krisenmanagers': Im Gegensatz zu formelhaften Erklärungen zur „tiefen Besorgnis' beruft er sich auf praktische Erfahrung – seine persönliche Anwesenheit im Kernkraftwerk Saporischschja unter Beschuss, den ständigen Pendeldialog mit Kiew und Moskau sowie die Arbeit an der Eindämmung des iranischen Atomprogramms. In seinen Worten „braucht die UN keine weiteren Bankette und Konferenzen, sondern Handeln in den Brennpunkten'.
Die Gefahr eines institutionellen Zusammenbruchs
Die Blockade des Sicherheitsrats, in dem das Vetorecht der ständigen Mitglieder jede Resolution zu Ukraine oder Gaza blockiert, trifft auf ein schweres Budgetdefizit der Organisation. Zuvor hatte Grossi in einem Interview mit der Financial Times den aktuellen Zustand des Instituts als „langsamen Tod' bezeichnet und davor gewarnt, dass die UN ohne radikale Neugestaltung und Aufgabe der aufgeblähten Bürokratie Gefahr laufe, das Schicksal des Völkerbunds zu wiederholen und endgültig ihre globale Legitimität zu verlieren.
Die Suche nach einem Gleichgewicht zwischen Washington und Moskau
Um den Generalsekretär-Posten zu besetzen, muss Grossi ein Veto der USA, Chinas und Russlands vermeiden. Einerseits spricht er die Sprache des Pragmatismus und der Kürzung ineffektiver Programme, die für die Administration des Weißen Hauses verständlich ist. Andererseits betont er öffentlich, dass er strikt professionelle und direkte Kontakte zum Kreml und zu „Rosatom' pflege, die für die Lösung praktischer Sicherheitsfragen notwendig seien. Dieser Doppelkurs ermöglicht es ihm, sich als Kandidat zu positionieren, der gleichzeitig mit dem Westen und mit Russland zusammenarbeiten kann.
Fazit
Die Erklärung Rafael Grossis unterstreicht den Haupttrend der internationalen Politik: Selbst die höchste diplomatische Elite innerhalb des UN-Systems räumt ein, dass die alte Sicherheitsarchitektur endgültig gebrochen ist. Die Wahl des neuen Generalsekretärs wird entweder der Versuch sein, dem Institut durch harten Pragmatismus echte Hebel zur Durchsetzung des Friedens zurückzugeben, oder sie wird den Status der UN als dekorativer Diskussionsklub endgültig zementieren. Das Rennen um den Generalsekretär-Posten wird damit zu einem Referendum über die Zukunft der Organisation selbst.