Mitte August 2026 stand die wissenschaftliche Gemeinschaft und die Brauindustrie vor einem Phänomen, das man als „flüssige Zeitreise' bezeichnen könnte. Auf dem Grund des Ärmelkanals, vor der Küste von Dover, machte eine Gruppe technischer Taucher einen sensationellen Fund: Aus dem Laderaum eines 1864 gesunkenen britischen Segelschiffs wurde eine perfekt erhaltene Flasche des legendären Guinness-Stouts geborgen. Dieses Artefakt, das mehr als 160 Jahre unter Wasser gelegen hatte, bildete die Grundlage für ein ehrgeiziges wissenschaftliches Projekt namens „Jurassic Beer' („Jurassisches Bier'), dessen Ziel es ist, den Geschmack der viktorianischen Ära genetisch wiederzubeleben.

Das Geheimnis des gesunkenen „Mindoro' und das hydraulische Verschlussprinzip

Der Fund wurde vom belgischen Unterwasserfotografen Stefan Panis und dem polnischen Historiker und Taucher Paweł Truśniewski gemacht. Die Forscher arbeiteten in einer Tiefe von etwa 30 Metern in der Straße von Pas-de-Calais, wo die Überreste des dreimastigen Barken-Schiffs „Mindoro' ruhen. Das Schiff, das im November 1864 von London nach Vancouver unterwegs war, sank bereits eine Woche nach der Abfahrt, nachdem es in dichtem Nebel mit einem anderen Schiff kollidiert war. Die Besatzung wurde gerettet, doch die Ladung edlen Bieres ging auf den Grund.

Die erstaunliche Erhaltung des Flascheninhalts lässt sich durch einzigartige Lagerbedingungen erklären. Wie Experten feststellten, waren die Kisten mit Guinness an Bord kopfüber verstaut worden. Unter dem enormen Druck des Meerwassers entstand so ein ideales „hydraulisches Verschlussprinzip': Die Flüssigkeit in der Flasche wurde gegen den Korken gepresst, was die Poren blockierte und salzigem Wasser sowie Bakterien 162 Jahre lang den Eintritt verwehrte. Auf dem originalen Siegellack ist die Aufschrift „Guinness Extra Stout, London' noch deutlich lesbar.

Projekt „Jurassic Beer': Die Wiederherstellung eines verlorenen Stammes

Der Fund weckte großes Interesse bei der Diageo-Konzerne, die den Guinness-Markenname besitzt. Die Flasche wurde an das Labor des Mikrobiologieprofessors Kevin Verstrepen an der Katholischen Universität Löwen (Belgien) übergeben. Die Wissenschaftler planen, die DNA der in Dunkelheit und Kälte erhaltenen alten Hefen vollständig zu sequenzieren.

Obwohl in den Archiven des Unternehmens detaillierte Rezepte für Malz und Hopfen aus dem 19. Jahrhundert erhalten sind, gingen die einzigartigen Stämme viktorianischer Hefen im Laufe der Zeit unwiederbringlich verloren. Das Projekt „Jurassic Beer' hat zum Ziel, diese Mikroorganismen zu klonen, um genau diesen dichten, leicht bitteren Geschmack wiederherzustellen, den britische Seeleute und Aristokraten Mitte des 19. Jahrhunderts genossen. Dies wäre der weltweit erste Fall einer genetischen Wiederherstellung eines alkoholischen Getränks.

Der erste Schluck: Risiko und Wissenschaft

Das Schicksal des Getränks in der Flasche ist umstritten. Stefan Panis, der Entdecker, gab zu, kein Guinness-Fan zu sein, aber wenn die Mikrobiologen das „grüne Licht' geben (d.h. bestätigen, dass keine Leichenvergiftungen oder tödlichen Bakterien vorhanden sind), wird er unbedingt den ersten Schluck des Stouts aus der Ära Königin Victorias tun.

Dennoch wird niemand die Flasche vollständig trinken dürfen. Die Wissenschaftler werden eine vorsichtige Mikropunktion vornehmen, um mit Spritzen Biomaterial zu entnehmen, ohne die Mikroflora zu stören. Momentan „ruht' die Flasche in Panis' Garage in einem speziellen Behälter mit eiskaltem Wasser, der die Bedingungen des Meeresbodens simuliert, und wartet auf die finale Begutachtung. Das Taucherteam bereitet bereits neue Tauchgänge vor, um den Rest der gesunkenen Partie zu bergen, von der geschätzt wird, dass sie noch etwa zwei Dutzend Flaschen enthalten könnte.