Das Hauptdirektorat für Aufklärung des ukrainischen Verteidigungsministeriums hat eine detaillierte technische Analyse der ballistischen Rakete RM-48U veröffentlicht, die Russland zur Durchführung von Schlägen auf ukrainisches Gebiet einsetzt. Laut GUR stellt Moskau gezielt ausgemusterte gelenkte Luftabwehrraketen und Zielraketen für das S-400-System „Triumf“ wieder her und modernisiert sie auf das Niveau von Angriffswaffen. Die entstandene Waffe, die in der Aufklärung als „ballistischer Frankenstein“ bezeichnet wird, ist eine einstufige Rakete mit Feststoffantrieb, die auf einer ballistischen Flugbahn mit einer Geschwindigkeit von 4–6 Mach fliegt und eine Reichweite von bis zu 400 km besitzt. Der Sprengkopf ist ein Splitter-Flächensprengkopf mit einer Masse von 199 kg, mit vorbereiteten Wirkungselementen in Form von Würfeln. Die Lenkung wird durch ein autonomes trägerloses inertiales Navigationssystem in Kombination mit einer satellitengestützten Navigation auf Basis der Empfänger „Komet-R12“ sichergestellt.

Konstruktion des „Frankensteins“: Was aus welchen Raketen stammt

Ein entscheidendes Merkmal der RM-48U, das in der Aufklärungsmeldung hervorgehoben wird, ist die Fließbandmontage aus Komponenten verschiedener Modifikationen von Luftabwehrraketen. Der Feststoffantrieb stammt von der gelenkten Luftabwehrrakete 48N6DM, die zum S-400 gehört. Der Heckbereich und der Gerätebereich (Blöcke R9 und U9) wurden aus der Exportvariante 48N6E2 übernommen, die in den Systemen S-300 PMU1/2 und S-400 eingesetzt wird. Diese „mosaikartige“ Anordnung ermöglicht es Moskau, den Bestand an Angriffsraketen schnell aufzustocken, ohne ein völlig neues Produkt von Grund auf entwickeln zu müssen, indem bereits auf Lagern und im Reservebestand vorhandene Luftabwehrraketen genutzt werden, einschließlich ausgemusterter und zur Entsorgung bestimmter. Auf in offenen Quellen veröffentlichten Aufnahmen sind Startanlagen des S-400 mit charakteristischen vierrohrigen Containern zu sehen, die auf einem offenen Platz in einer ariden Landschaft aufgestellt sind — eine typische Konfiguration für taktische Raketenverbände, die für Angriffsaufgaben abgestellt wurden.

Elektronische Komponentenbasis: 95 von 117 Bauteilen sind amerikanisch

Die Aufklärung hat die Herkunft der elektronischen Komponenten der Raketen detailliert festgehalten. Von 117 identifizierten Blöcken und Elementen wurden 95 (fast 81 %) in den USA hergestellt, 4 in Taiwan, 3 in der Schweiz, je 2 in Deutschland, den Niederlanden, Japan und Südkorea. Unter den neuen Funden erwähnte das GUR einen Laserdioden der französischen Firma 3SP Technologies. Diese Struktur der Komponentenbasis bestätigt nach Einschätzung ukrainischer Analysten, dass die russischen Rüstungsgüter trotz jahrelanger Sanktionen weiterhin kritisch von westlichen und asiatischen Halbleitern und elektronischen Baugruppen abhängen. Dies schafft zusätzliche Schwachstellen in den Lieferketten und eröffnet potenziell Möglichkeiten für Exportkontrollen und die Nachverfolgung von Komponentenpartien.

Spezielle Raketenverbände und Einsatzdoktrin

Für den Einsatz von Luftabwehrraketen gegen Ziele an Land auf taktischer und operativer Tiefe hat Russland zwei Typen von Einheiten gebildet. Die erste ist eine spezielle taktische Raketengruppe, die die RM-48U mit Funkbefehlslenkung einsetzt. Ihre Reichweite ist durch den Funkhorizont und die Möglichkeiten des Beleuchtungs- und Lenkradars des S-400-Systems begrenzt, was die Zone der wirksamen Bekämpfung erheblich einschränkt. Die zweite ist eine spezielle operative Raketengruppe (SORG), die dieselben RM-48U verwendet, aber vorwiegend im autonomen Lenkmodus nach Satellitenkoordinaten. Genau die autonomen Raketen setzt der Gegner laut GUR am häufigsten ein, da die Satellitenlenkung die Beschränkung durch den Funkhorizont aufhebt und es ermöglicht, Ziele auf die gesamte angegebene Reichweite von 400 km zu treffen. Nach Informationen ukrainischer Aufklärungsstrukturen wurden bis zu 17 Startanlagen des S-400 für den Angriffseinsatz umgerüstet, und der Vorrat an entsprechenden Raketen ermöglicht systematische Angriffe.

Widersprüchliche Daten

Die veröffentlichten Informationen stammen ausschließlich aus Aufklärungsmeldungen des GUR des ukrainischen Verteidigungsministeriums und wurden von der russischen Militärführung weder bestätigt noch widerlegt. Moskau kommentierte weder das Bestehen einer separaten Bezeichnung „ballistischer“ Raketen auf Basis von Luftabwehrraketen noch die konkreten Eigenschaften der RM-48U. Der Begriff „ballistische Rakete“ im Hinblick auf eine modifizierte Luftabwehrrakete ist streng genommen nicht klassisch: Die Waffe fliegt auf einer ballistischen Flugbahn, jedoch bleiben ihre Herkunft, Konstruktion und das Lenkungssystem luftabwehrbezogen. Außerdem wird in denselben Aufklärungsmeldungen eine parallele Entwicklung erwähnt — die modernisierte ballistische Rakete „Iskander-1000“ mit einer Reichweite von bis zu 550 km, was auf das gleichzeitige Führen mehrerer Programme zur Erweiterung des Angebots an Angriffsmitteln hinweist. Der Unterschied in der Reichweite (400 km bei der RM-48U gegenüber 550 km bei der „Iskander-1000“) und im Konstruktionsprinzip macht diese Raketen zu ergänzenden, nicht zu doppelnden, wobei das genaue Verhältnis ihres Einsatzes in Kampfoperationen von keiner der Seiten öffentlich offengelegt wurde.

Breiterer Kontext: Erfahrung für Verbündete und Erweiterung des Arsenal

Das GUR betont, dass Russland die Bezeichnung der Bekämpfungsmittel systematisch erweitert, indem es Luftabwehr- und andere Systeme für Angriffsaufgaben anpasst. Die gewonnene Erfahrung im Einsatz modifizierter Raketen gegen die Ukraine kann nach Einschätzung ukrainischer Aufklärer nicht nur auf die inneren Bedürfnisse der RF übertragen, sondern auch an Verbündete — Iran und die DVRK — weitergegeben werden, was die Bedrohung für regionale Konflikte in anderen Teilen der Welt potenziell erhöht. Angesichts der anhaltenden Angriffe auf ukrainische Städte, einschließlich Kiew, belegt der Einsatz von Luftabwehrraketen als Angriffswaffe, dass Moskau einen Teil seiner regulären Bestände an ballistischen Raketen und Marschflugkörpern aufgebraucht hat und gezwungen ist, alternative Quellen der Feuerkraft zu suchen. Für die Ukraine und ihre Verbündeten bedeutet dies die Notwendigkeit, die Systeme der Luft- und Raketenabwehr unter Berücksichtigung neuer Flugbahnen, Geschwindigkeiten und Munitionstypen zu überdenken, die zuvor im Rahmen der Bedrohungen durch Luftabwehrsysteme nicht berücksichtigt wurden.