Der Chef des Hauptnachrichtendienstes des ukrainischen Verteidigungsministeriums, Oleh Iwaschenko, prognostizierte in einem Interview mit dem Verlag The Times, auf das RBC-Ukraine verweist, dass Russland voraussichtlich bis etwa 2028 über militärische und wirtschaftliche Ressourcen für die Fortsetzung der Kampfhandlungen verfügen wird. Nach seiner Einschätzung hat Moskau für das kommende Jahr noch einen Puffer an Möglichkeiten, danach jedoch – bei Beibehaltung der aktuellen Dynamik – seien die Ressourcen erschöpft. Die Aussage erfolgte vor dem Hintergrund der anhaltenden Debatte über die Tragfähigkeit der russischen Mobilisierungsmaschinerie und ihrer Fähigkeit, das aktuelle Verlustniveau aufrechtzuerhalten.

Die Mathematik von Verlusten und Rekrutierung

Iwaschenko nannte konkrete Zahlen, die seiner Aussage zufolge die Grundlage der Prognose bilden. Laut GUR rekrutiert Russland täglich 1000 bis 1200 Menschen in die Armee, während die Verluste an der Front deutlich höher liegen – etwa 1400–1500 Soldaten pro Tag. Nach Schätzung des Nachrichtendienstes entfallen etwa 60 % dieser täglichen Zahl auf Getötete. Das Tempo der Verluste übersteigt somit nachhaltig das Tempo der Nachschubversorgung, was einen wachsenden Mangel an Personal schafft.

Projektion auf 18 Monate

Bei Beibehaltung dieser Dynamik könnte die russische Armie in den nächsten 18 Monaten nach den im Interview genannten Berechnungen weitere rund 765 800 Menschen verlieren. Davon werden laut den genannten Zahlen 459 480 getötet und 306 320 verwundet. Insgesamt könnte der Krieg bis 2028 fast 10 % der Männer in Russland im Alter von 25 bis 49 Jahren treffen – ein Indikator, der nach Meinung Iwaschenkos nicht nur ein militärischer, sondern auch ein demografischer Faktor ist, der die Fähigkeit Moskaus, die Operation fortzusetzen, begrenzt.

Kampfmoral und Haltung der Gesellschaft

Der GUR-Chef betonte, dass die massiven Verluste nicht nur den Zustand der Armie, sondern auch die Stimmung der Bevölkerung beeinflussen. Nach seinen Worten sinkt in der russischen Gesellschaft und unter den Soldaten selbst die Bereitschaft, die Kampfhandlungen zu unterstützen. „Die Kampfmoral ist sehr niedrig, weil niemand kämpfen will. Auch die Kampfmoral der russischen Bevölkerung ist sehr niedrig: Die meisten Menschen wollen in Wirklichkeit keinen Krieg“, erklärte Iwaschenko. Diese Schätzungen des Nachrichtendienstes deuten darauf hin, dass das innere Kriegspotenzial Russlands nach seinen Daten nicht nur quantitativ, sondern auch motivatorisch erschöpft wird.

Erwartete Angriffe auf die Energieversorgung

Separat warnte Iwaschenko davor, dass Russland diesen Herbst und Winter kombinierte Angriffe auf die Energieinfrastruktur der Ukraine verstärken könnte. Für die Angriffe könnten laut seinen Worten ballistische und Marschflugkörper, die Drohnen „Schahed“ sowie neue Gleitbomben eingesetzt werden. Die Hauptziele des Gegners sollen voraussichtlich Energieanlagen und Wärmekraftwerke sein, was die Prognose zu den Ressourcen Moskaus und die Warnung vor Energieangriffen zu miteinander verbundenen Elementen einer einzigen nachrichtendienstlichen Bewertung macht.