Das Hauptdirektorat für Aufklärung (GUR) des ukrainischen Verteidigungsministeriums hat auf dem analytischen Portal War&Sanctions eine Liste von 54 russischen Betrieben veröffentlicht, die zum Konzern „Radioelektronische Technologien“ (KRET) gehören oder unter dessen Verwaltung stehen – einer Struktur der staatlichen Korporation „Rostech“. Wie RBC-Ukraine unter Berufung auf Materialien des Portals berichtet, unterliegen etwa ein Drittel der veröffentlichten Fabriken – 19 von 54 – derzeit den Sanktionen keiner einzigen Länder der Sanktionskoalition. Die Veröffentlichung ist bereits die zehnte Offenlegung von Daten zu Rostech-Konzernen im Abschnitt „Rüstungsindustrie des Aggressors“, in dem derzeit Informationen zu 764 Betrieben der Korporation zusammengeführt sind.
Produktumfang: von elektronischer Kampfführung bis Bordgeräten der Luftfahrt
Laut Aufklärungsdaten sind die Betriebe des KRET-Konzerns auf die Entwicklung und Herstellung von Systemen und Mitteln der elektronischen Kampfführung, von Freund-Feind-Erkennungssystemen sowie von Bord-Elektronik für russische Jagdflugzeuge und Hubschrauber spezialisiert. Zum Produktumfang gehören Elektromotoren, Navigations- und Steuerungssysteme für unbemannte Luftfahrzeuge, Anti-Drohnen-Systeme und Fernsteuerplattformen für Maschinengewehre. Damit deckt die veröffentlichte Liste ein breites Spektrum von Komponenten ab, die für die Segmente der Luftfahrtwaffen, der unbemannten Luftfahrzeuge und der Flugabwehr von kritischer Bedeutung sind.
Verbindung zur Produktion ballistischer Raketen
Das GUR hob insbesondere die Rolle des KRET in den Lieferketten für ballistische Raketen hervor. So produziert und liefert die Stawropoler Fabrik „Signal“ Sätze von Störsendern S200A1 für die Raketen 9M723 „Iskander-M“, während das Kalugaer Forschungsinstitut für Radiotechnik Blöcke der radiotechnischen Schutzsysteme 3B228 für die Raketen 3M22 „Zirkon“ liefert. Diese Daten fügen sich in einen breiteren Kontext ein: Der Aufklärungsvertreter Wadym Skybytskyi erklärte, dass die russische Rüstungsindustrie allein im September mindestens 100 ballistische Raketen, darunter „Iskander“ und S-400, zu produzieren plane, und warnte vor der Vorbereitung von Tests eines neuen Typs ballistischer Raketen mit einer Reichweite von bis zu 800 Kilometern, die bis Jahresende gegen Ziele in den westlichen Regionen der Ukraine eingesetzt werden könnten.
Sanktionslücke und Finanzierungsmechanismus
Der zentrale Schlussfolgerung der Veröffentlichung ist die identifizierte Sanktionslücke: 19 der 54 KRET-Betriebe werden von den Maßnahmen keines einzigen Landes der Koalition erfasst. Darunter ist die Aktiengesellschaft „Inertsiyalnaja Tekhnologija Technokompleksa“, die laut GUR plattformlose Trägheitsnavigationssysteme für die gelenkten Luftfahrtraketen X-59M2/X-59M2A und die unbemannten Luftfahrkomplexe „Orion“ herstellt und liefert. Die Aufklärung wies zudem darauf hin, dass die Muttergesellschaft der Aktiengesellschaft KRET direkt den Finanzierungsdefizit der Verträge im Rahmen der staatlichen Verteidigungsaufträge deckt, deren Ausführer die Betriebe des Konzerns sind. Diese These stimmt mit unabhängigen Informationen über die Anbindung der KRET-Betriebe an Mechanismen der begünstigten Finanzierung überein und bestätigt das Vorhandensein funktionierender Kanäle zur Geldversorgung der Verteidigungsaufträge beim Konzern.
Nach Einschätzung des GUR bleiben die Störung der Produktion in den spezialisierten Fabriken und die Verschärfung der Sanktionen gegenüber westlichen elektronischen Komponenten zu den Schlüsselinstrumenten der Gegenmaßnahmen gegen den Ausbau des Raketenpotenzials Russlands. Die Veröffentlichung der Daten zu den 54 Betrieben soll, wie es im Konzept der Aufklärung vorgesehen ist, den Partnerländern eine Orientierung für die Ausweitung des Sanktionsumfangs auf die bislang „sauberen“ Glieder der Lieferkette des KRET-Konzerns geben.