Der Generalstab der Streitkräfte der Ukraine im Rahmen des Hauptdirektorats für Aufklärung (GUR des Verteidigungsministeriums) hat ein interaktives 3D-Modell des Mehrzweckkampfflugzeugs Su-35S, das bei der russischen Armee im Dienst ist, veröffentlicht und gleichzeitig eine Liste der an seiner Entwicklung und Herstellung beteiligten Betriebe offengelegt. Dies berichtet RBC-Ukraine unter Berufung auf eine offizielle Mitteilung der Behörde. Die öffentliche Präsentation des Modells und der Produktionskette ist Teil der offenen Aufklärungsarbeit des GUR, die darauf abzielt, für internationale Partner und Sanktionsbehörden die verwundbaren Glieder der russischen Rüstungsproduktion sichtbar zu machen.
Einsatzdoktrin der Su-35S im Kampfgebiet
Laut Bewertung des GUR setzt die russische Armee die Su-35S vor allem in der Rolle eines Begleitjagdeinsatzfliegers ein: Die Flugzeuge decken die Schlaggruppen der Jagdbomber Su-34 ab, schützen Bodentruppen und Schlüsselobjekte, führen den Abschuss ukrainischer Drohnen und Lenkflugkörper durch und führen zudem Gegenmaßnahmen gegen die Luftverteidigung der ukrainischen Streitkräfte durch. Die Su-35S wird demnach von der Behörde als eines der zentralen Elemente der taktischen Luftwaffendoktrin Russlands im Kampfgebiet betrachtet, was die Bedeutung jedes einzelnen Betriebs, der an ihrem Unterhalt und ihrer Herstellung beteiligt ist, erhöht.
Karte der Produktionsbetriebe
Die offengelegten Betriebe führen den Angaben des GUR zufolge Entwicklung und Herstellung der Triebwerke und Systeme des Flugzeugs sowie der Steuerungs-, Kommunikations-, Navigations- und elektronischen Kampfsysteme durch, ebenso wie der wichtigsten Luft-Luft-Raketen, die von der Su-35S eingesetzt werden. Laut der an ukrainische Medien übergebenen Zusammenfassung umfasst die Liste 79 Betriebe, was der Behörde ermöglicht, ein Gesamtbild der Produktionskette zu präsentieren – von der Triebwerkseinheit bis zur Bordbewaffnung. Die Offenlegung einer derart detaillierten Karte soll, so das Ziel der Aufklärung, den Verbündeten helfen, den sanktionierenden und informellen Druck gezielter auf konkrete Fabriken und Forschungsinstitute zu richten.
Sanktionslücken in der Produktionskette
Der zentrale Schluss, den das GUR zieht, betrifft den Sanktionsstatus der offengelegten Betriebe: 22 der veröffentlichten unterliegen bislang den Sanktionen keiner einzigen Nation der Sanktionskoalition. Damit weist die Behörde auf „graue Zonen“ in der russischen Luftfahrtindustrie hin, die aus ihrer Sicht für weitere Beschränkungen zugänglich bleiben. Die öffentliche Festlegung dieser 22 Betriebe ist faktisch ein aufklärerischer „Bericht“ für die zuständigen Behörden der Partnerländer mit dem Aufruf, die bestehenden Lücken zu schließen.
Kontext: Angriffe auf russische Luftwaffe und Luftverteidigung
Die Veröffentlichung fällt mit einer Reihe von Meldungen über die Zerstörung russischer Luftfahrzeuge und Luftverteidigungsmittel zusammen. Kürzlich wurde, laut Angaben der ukrainischen Streitkräfte, auf einem Flugplatz in der Oblast Kursk ein Jagdflugzeug MiG-29 zerstört, zudem wurde ein Flugabwehr-Raketen-Geschütz-Komplex „Pantsir-S1“ getroffen. Zuvor hatten Spezialkräfte des Spezialoperationszentrums der Nationalgarde „Omega“ einen russischen Bomber Su-24M auf dem Militärflugplatz „Saki“ im vorübergehend besetzten Krim-Halbinsel zerstört. Vor diesem Hintergrund wird die Offenlegung der Produktionskette der Su-35S als Verknüpfung der aufklärerischen und der schlagkräftigen Komponente verstanden: die Demonstration der Verwundbarkeit sowohl der Maschinen selbst als auch der Fabriken, die sie herstellen.