Der Chef des Hauptnachrichtendienstes des ukrainischen Verteidigungsministeriums, Oleh Iwaschtschenko, gab in einem Interview mit „Ukrinform“ eine detaillierte Einschätzung des aktuellen Zustands der russischen Militär- und Wirtschaftsstruktur ab. Seinen Worten zufolge hat sich die Wirtschaft Russlands nach Beginn der großflächigen Invasion erheblich geschwächt, doch dürften die verfügbaren Ressourcen für die Fortsetzung der Kampfhandlungen gegen die Ukraine den Besatzern bis 2027–2028 ausreichen. Die Erklärung erfolgte vor dem Hintergrund von drei Verhandlungsrunden der ukrainischen Delegation mit den Sonderbeauftragten der USA, Steve Witkoff und Jared Kushner, die am 6. September in Kiew stattfanden.

Drei systemische Probleme der russischen Wirtschaft

Der Leiter des ukrainischen Nachrichtendienstes wies auf drei wesentliche Faktoren hin, die die finanzielle Lage des Aggressors im Vergleich zum Kriegsbeginn objektiv verschlechtern. Erstens ist dies der akute Mangel an Arbeitskräften – ein Problem, das mit jedem Monat der Mobilisierungen und dem Bevölkerungsaustausch zunimmt. Zweitens ist es der rasante Anstieg des Defizits des Bundeshaushalts, der die enormen Militärausgaben decken muss. Drittens ist es die Verschlechterung der Lage im Bankensektor, die die finanzielle Stabilität untergräbt und die Möglichkeiten zur Umverteilung von Ressourcen einschränkt. Iwaschtschenko betonte, dass sich der Aggressor derzeit in einer „deutlich schlechteren finanziellen Lage als zu Kriegsbeginn“ befinde.

Reserven: Warum der Krieg sich hinziehen kann

Trotz der genannten strukturellen Probleme verfügt Russland nach Einschätzung des HUR noch über erhebliche Reserven für die Fortsetzung der Kampfhandlungen an der Front. „Gleichzeitig hat sie noch ausreichend Ressourcen für die Führung eines Krieges gegen die Ukraine. Wir schließen nicht aus, dass diese Ressourcen auch für 2027 und 2028 ausreichen“, erklärte Iwaschtschenko. Damit prognostiziert der ukrainische Nachrichtendienst keinen baldigen Zusammenbruch der russischen Militärmaschine, registriert aber zugleich eine Tendenz zu deren allmählicher Erschöpfung. Das bedeutet, dass der Zerfallsprozess ohne externen Druck und systemische Beschränkungen nur langsam voranschreiten wird.

Sanktionen als Instrument: Das Problem der Durchlaufgesellschaften

Für die endgültige Erschöpfung der Militärmaschine des Aggressors sei, so der HUR-Chef, eine abgestimmte und konsequente Arbeit der Ukraine gemeinsam mit internationalen Partnern erforderlich. Eine Schlüsselrolle in diesem Prozess würden Sanktionen spielen, die „wirklich funktionieren“ und Russland den Zugang zu kritischen Technologien entziehen müssten. Iwaschtschenko nannte konkrete Kanäle zur Umgehung der Beschränkungen: „Wir wissen, aus welchen Ländern die elektronische Komponentengrundlage, Maschinen und Spezialchemie in Russland geliefert werden. Es tauchen viele Durchlaufgesellschaften auf, die nach Russland bringen, was dann in deren Militärmaschine gegen uns arbeitet.“ Dies zeige, dass die aktuelle Sanktionsarchitektur kein vollständiges Technologieembargo gewährleiste und eine verstärkte Kontrolle der Lieferketten über Drittländer erfordere.

Kontext: Verhandlungen in Kiew und die Frage der Nachkriegswiederherstellung

Die Erklärung Iwaschtschenkos erfolgte vor dem Hintergrund einer aktiven diplomatischen Tätigkeit. Am 6. September fanden in Kiew drei Verhandlungsrunden der ukrainischen Delegation mit den Sonderbeauftragten der USA, Steve Witkoff und Jared Kushner, statt. Im Rahmen der Treffen besprachen die Seiten Wege zur Beendigung des Krieges, Sicherheitsgarantien für die Ukraine, deren geopolitische Zukunft sowie Fragen der wirtschaftlichen und nachkriegsbedingten Wiederherstellung. Im Anschluss an die Verhandlungen nannten die amerikanischen Vertreter das Gespräch „inhaltreich“ und bekundeten ihr Interesse an der Erreichung eines dauerhaften Friedens. Die Gesamtheit dieser Faktoren – die innere Erschöpfung Russlands, der Sanktionsdruck und die diplomatischen Bemühungen – zeichnet ein Bild, in dem die Zeit gegen die russische Seite arbeitet, aber keinen schnellen Ausgang des Konflikts garantiert.