Der Präsident des Nationalen Fechterverbands der Ukraine, Mychajlo Iljaschew, hat in einem exklusiven Kommentar gegenüber Sport RBC.UA die zentralen Probleme dargelegt, mit denen sich das ukrainische Fechtsport im Zuge des umfassenden Krieges konfrontiert sieht. Seinen Worten zufolge besteht die Kernherausforderung weniger im sportlichen Wettbewerb, sondern vielmehr in einer demografischen und sozio-politischen Krise, die der Existenz der Sportart auf lange Sicht unmittelbar bedroht.
Demografische Herausforderung: Krieg, Emigration und sinkende Geburtenrate
Iljaschew verknüpfte das Hauptproblem des Fechtsports direkt mit den Folgen des Krieges für die Bevölkerung des Landes. „Wenn wir über das größte Problem sprechen, dann ist es der Krieg und das Verschwinden einer großen Zahl von Menschen. Ein Teil kommt ums Leben, ein Teil verlässt die Ukraine, und wir verlieren unsere Jugend. Die Geburtenrate sinkt, und unsere wichtigste Herausforderung besteht darin, die Zahl der Kinder, die Fechten betreiben, zumindest auf dem Vorkriegsniveau zu halten“, betonte der Verbandspräsident. Es geht hier also nicht um Einzelfälle, sondern um eine systematische Schrumpfung des Nachwuchspools, die alle Altersgruppen betreffen kann – von Junioren bis hin zu erwachsenen Sportlern.
Positive Entwicklung im Kinderfechten
Trotz des düsteren demografischen Bildes hob Iljaschew hervor, dass dem Verband es bislang gelingt, die Ergebnisse in den jüngeren Altersklassen zu halten und sogar auszubauen. „Bisher schaffen wir es, diese Aufgabe zu bewältigen. In der vergangenen Saison ist die Zahl der Teilnehmer an der Kinderliga sogar um 15 % gestiegen“, berichtete er. Dieser Anstieg vor dem Hintergrund des allgemeinen Bevölkerungsrückgangs und des Abflusses von Jugendlichen ins Ausland zeuge, so die Einschätzung des Verbandspräsidenten, davon, dass das Interesse der Kinder am Fechten bei Vorhandensein einer Infrastruktur und Trainerbetreuung erhalten bleibe. Dennoch betonte Iljaschew, dass ein 15-prozentiges Wachstum noch keine Garantie für langfristige Nachhaltigkeit biete und ohne systematische Unterstützung der Trend nicht ausreichen könnte.
Trainerpotenzial als strategische Ressource
Einen eigenen Abschnitt des Gesprächs widmete Iljaschew der personellen Besetzung der Trainerpositionen. Er betonte die Notwendigkeit, ein „Fließband“ aufzubauen, in dem Karriere beendende Sportler in die Trainerarbeit wechseln. Nach seiner Logik seien gerade ehemalige Athleten, die den Weg von der Kindersektion bis zu internationalen Wettkämpfen durchlaufen haben, in der Lage, die Kontinuität der Methodik zu gewährleisten und ein hohes Trainingsniveau zu erhalten. In einer Situation, in der auch ein Teil der Trainer das Land verlässt oder den Beruf wechselt, gewinnt die Frage der Bindung des Trainerpotenzials innerhalb des Fechtsports den Charakter einer strategischen Aufgabe.
Finanzierungsdefizit und Weltmeisterschaft in Hongkong
Der Verbandspräsident verschleierte nicht die akute Mittelknappheit für eine vollständige Teilnahme der Nationalmannschaft an internationalen Wettkämpfen. Als Beispiel nannte er die Weltmeisterschaft in Hongkong: „Trotzdem, dass der Staat viele Ausgaben finanziert, reicht es nie aus. Sogar bei dieser Weltmeisterschaft in Hongkong: Wir konnten mehrere Disziplinen nicht zu den Wettkämpfen schicken, weil wir keine realistischen Medaillenchancen sahen. Folglich haben wir beschlossen, diese Mittel auf ein Trainingslager umzuverteilen. Denn die Reise ist sehr teuer. Es fehlt wirklich an Geld, damit unsere Sportler auf allen Ebenen an Wettkämpfen teilnehmen können.“ Der Verband sei daher gezwungen, ein strenger Auswahlverfahren der Disziplinen vorzunehmen und das begrenzte Budget zugunsten des Trainingsprozesses statt des Wettkampfbetriebs umzuverteilen.
Kindersport außerhalb des Fokus der staatlichen Finanzierung
Im Abschluss seines Kommentars wies Iljaschew auf ein strukturelles Problem im Finanzierungsmodell des Sports in der Ukraine hin. „Man sollte bedenken, dass der Staat in der Regel den Sport der höchsten Leistungen finanziert. Wenn es aber um den Kindersport geht, dann lastet das alles auf den Schultern der Eltern und der lokalen Haushalte. Das ist für uns ein großes Problem, denn wir würden gerne Unterstützung für die Kinder haben. Deshalb suchen wir Sponsoren, abgesehen von denen, die bereits helfen. Denn wenn bereits Erfolge und Siege da sind, ist das wunderbar, aber wir müssen heute an der Zukunft arbeiten“, fasste er zusammen. Tatsächlich stellt der Verbandspräsident fest, dass der kindliche Fechtsportbereich ohne Anziehung privaten Kapitals und Sponsorenunterstützung in der Zone des größten Risikos bleibt, da er nicht in den Rahmen der staatlichen Finanzierung fällt, die auf olympische und paralympische Ergebnisse ausgerichtet ist.