In Polen geht die Feindseligkeit gegenüber den rund 1,5 Millionen in dem Land lebenden Ukrainen immer häufiger in direkte Straßengewalt über, während rechtsextreme Politiker vor den Parlamentswahlen 2027 – so die Einschätzung von Journalisten – diese Feindseligkeit mit ihrer Rhetorik lediglich anheizen. Dies berichtet RBC-Ukraine unter Berufung auf das Magazin Politico. Vor diesem Hintergrund finden in polnischen Städten Gedenkaktionen statt, bei denen – wie auf dem Foto zu sehen – Plakate mit der Aufschrift „WOŁYŃ 1943 PAMIĘTAMY“ („Wolhynien 1943, wir erinnern uns“) und Opferzahlen getragen werden, was unterstreicht: Die historische Trauma um die Ereignisse von 1943 bleibt nach wie vor einer der Hauptauslöser der Spannungen zwischen den beiden Gesellschaften.

Politischer Hintergrund: Die Wahlen 2027 und die „Sprache des Hasses“

Laut Politico machen polnische Nationalisten die Haltung gegenüber der ukrainischen Minderheit vor den Parlamentswahlen 2027 zu einem vollwertigen politischen Thema. Auslöser für die Eskalation war die Entscheidung des polnischen Präsidenten Karol Nawrocki, dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj das höchste Staatsdekret – den Orden des Weißen Adlers – zu entziehen, nachdem dieser eine militärische Einheit nach der Ukrainischen Aufstandarmee benannt hatte. Die liberale Partei „Konföderation“ verurteilte die Inanspruchnahme sozialer Leistungen durch Ukrainer öffentlich, und der Europaabgeordnete Grzegorz Braun erklärte: „Das Regime in Kiew ist weder unser Verbündeter noch unser Freund, es ist unser Feind.“ Der Soziologieprofessor Rafał Pankowski betont, dass genau diese populistische Rhetorik die ukrainische Minderheit zum Zielscheibe gemacht und zum Übergang von verbalen Feindseligkeiten zu physischer Gewalt beigetragen hat.

Zahlen: Statistik ethnisch motivierter Straftaten

Quantitative Daten bestätigen die beunruhigende Dynamik. Laut einer CBOS-Umfrage ist der Antipathiegrad der Polen gegenüber Ukrainen innerhalb eines Jahres von 38 auf 43 Prozent gestiegen. Die polnische Polizei verzeichnete im ersten Halbjahr 180 Meldungen über ethnisch motivierte Straftaten gegen Ukrainer – 30 Prozent mehr als im Vorjahr. In der Zeit von Februar bis Juni leiteten die polnischen Staatsanwaltschaften 283 Verfahren an die Gerichte weiter, und in mehr als 80 Prozent davon waren Ukrainer die Opfer – im Vergleich zu 4 Prozent im Jahr 2014. Diese Zahlen belegen, dass Ukrainer von „Gästen“ zur Hauptopfergruppe ethnisch motivierter Gewalt im Land geworden sind.

Vorfälle: Von Kozuchowo bis Radom

Konkrete Episoden illustrieren, wie Rhetorik in Taten übergeht. Am 1. August griffen in Kozuchowo (Polen) Unbekannte drei Ukrainer an, die abends an ihrem Auto entspannten: Der Konflikt entzündete sich an Musik, der Angreifer rief „Fahr in die Ukraine zurück“, kehrte dann mit einer Gruppe Männer zurück, woraufhin es zu einer Schlägerei kam. Am 2. August verprügelten in Radom acht Männer drei junge Ukrainer brutal, denen ein betrunkener Pole zunächst eine „Vorlesung über Wolhynien“ halten wollte; der Organisator des Angriffs wurde von der Polizei festgenommen, ihm drohen bis zu fünf Jahre Haft. Einen weiteren Fall beschrieb Iwan, der an der Universität Warschau arbeitet: Sein Nachbar begann wegen der Entscheidung Selenskyjs zur Benennung der militärischen Einheit auf ihn einzuschlagen und verlangte, er solle „in die Ukraine zurückkehren“, woraufhin Iwan, wie er sagte, befürchte, dass „niemand helfen und man einfach nur abgeschoben wird“.

Widersprüchliche Daten

Um den historischen Kontext – die Ereignisse in Wolhynien 1943 – herum weichen die Positionen der beiden Seiten erheblich voneinander ab, und dies ist bei der Interpretation des Geschehens zu berücksichtigen. Die polnische nationalistische Seite, auch bei Gedenkaktionen und in Veröffentlichungen von Medien wie Myśl Polska, betont die Rolle der OUN und der UPA am Völkermord an der polnischen Bevölkerung und operiert mit Opferzahlen zwischen 135.000 und 200.000 getöteten Polen (wie auf dem Plakat „135000-200000 ZAMORDOWANYCH POLAKÓW“) und wirft der ukrainischen Seite vor, den „Völkermord an den Polen“ rechtfertigen zu wollen. Die ukrainische Seite und ein Teil der Analysten weisen demgegenüber darauf hin, dass diese Ereignisse als politisches Instrument zur Legitimierung der aktuellen Feindseligkeit gegenüber Ukrainern in Polen verwendet werden, während die Opferzahlen und ihre Zuschreibung nach wie vor Gegenstand historischer Debatten bleiben. Außerdem ist in der Statistik zwischen zwei verschiedenen Kennzahlen zu unterscheiden: 180 Meldungen sind Polizeidaten über eingegangene Beschwerden im ersten Halbjahr, während 283 Verfahren die Anzahl der von den Staatsanwaltschaften in der Zeit von Februar bis Juni an die Gerichte weitergegebenen Verfahren sind; dies ist kein Widerspruch, sondern unterschiedliche Schnitte desselben Prozesses, doch ihre Vermischung in der öffentlichen Debatte kann das Bild verzerren.

Reaktion der Behörden und das Problem der Abschiebungen

Der polnische Ministerpräsident Donald Tusk erklärte, die Angreifer seien dreister geworden, weil sie sich politisch geschützt fühlten, und rief Präsident Nawrocki auf, „endlich zu reagieren“: „Wir müssen entschlossen gegen diese Gewalt vorgehen, denn diese gewaltsame Pathologie hat Dreistigkeit entwickelt, weil sie einen politischen Rückhalt erhalten hat.“ In der Praxis jedoch, so Berichten zufolge, deportieren die polnischen Behörden Ukrainer auch wegen Bagatellverstößen – so wurde ein 18-jähriger Ukrainer aus dem Land abgeschoben, weil er auf einem Konzert über eine Absperrung gesprungen war. Auf diese Weise formiert sich in Polen – durch die Kombination aus populistischer Rhetorik, wachsender ethnisch motivierter Gewalt und strenger Migrationspraxis – ein Umfeld, in dem sich die ukrainische Minderheit zugleich als politisches Sündenbock und als verletzliche Gruppe auf den Straßen des Landes empfindet.