In der Nähe der isländischen Stadt Grindavík haben in den letzten Jahren immer wieder Vulkane ausgebrochen und dabei riesige Lavafelder hinterlassen, die die vertraute Landschaft grundlegend verändern. Zwei isländische Architekten – Arnýr Pálmadóttir, Gründerin und Inhaberin der Architekturfirma s.ap arkitektar in Reykjavík, und ihr Sohn Arnar Skarphéðinsson – beschlossen, diese zerstörerische Naturkraft aus einer völlig neuen Perspektive zu betrachten. Anstatt Lava ausschließlich als Bedrohung zu sehen, schlugen sie vor, sie als Rohstoff für den zukünftigen Bau zu nutzen und die Folgen vulkanischer Aktivität in einen Rohstoff für die Herstellung robuster Baukonstruktionen zu verwandeln.
Die Entstehung der Idee: vom Lavastrom zum Baumaterial
Laut Pálmadóttir entstand die Idee bereits 2018, nachdem 2014–2015 ein großflächiger Ausbruch des Vulkans Holuhraun stattgefunden hatte. Damals hatte sich eine enorme Menge Lava über die Landschaft in der Nähe des Vatnajökulls – des größten Gletschers Islands – ergossen und eindrucksvolle Lavafelder geschaffen. „Wow, das ist wie flüssiger Beton ohne Zement, warum also nicht einfach damit etwas machen?“, erinnert sich die Architektin an ihre erste Reaktion auf das Gesehene. Genau dieser Vergleich mit Beton wurde zum Ausgangspunkt des gesamten Konzepts: Wenn Lavagestein nach dem Abkühlen Eigenschaften besitzt, die Baumaterialien ähneln, liegt es nahe, es direkt zu verwenden und die traditionellen Stufen des Abbaus und der Verarbeitung zu umgehen.
Die technologische Vision: Roboter statt Menschen
Das Konzept sieht die Verwendung von Lavastromen zur Erstellung von Baukonstruktionen vor. Die Architekten sind der Ansicht, dass vulkanisches Basaltgestein aufgrund seiner physikalisch-mechanischen Eigenschaften für die Herstellung robuster Bauelemente geeignet sein könnte. Skarphéðinsson bemerkte, dass die Eigenschaften der Lava je nach Abkühlungsbedingungen erheblich variieren können. Als Beispiel nannte er den natürlichen säulenförmigen Basalt, der eine hohe Festigkeit aufweist und theoretisch als Konstruktionsmaterial verwendet werden könnte. Allerdings können Menschen aufgrund der extrem hohen Temperatur nicht direkt mit dem geschmolzenen Gestein arbeiten. Daher setzen die Urheber des Konzepts auf Roboter und automatisierte Technologien. Zu den möglichen Methoden zählen 3D-Druck, kontrollierte Lavastrome, spezielle Kühlkammern und robotergestützte Systeme. Nach Vorstellung der Architekten könnten robotergestützte Anlagen über die Lavafelder fahren, das geschmolzene Gestein sammeln und daraus die erforderlichen Konstruktionen formen. Eine andere Variante sieht vor, die Lava in spezielle Fabriken zu transportieren, wo unter Druck und Hitze fertige Bauelemente aus ihr hergestellt werden.
Aussichten und Zeithorizont der Umsetzung
Trotz der futuristischen Natur des Plans erwarten seine Urheber keine praktische Umsetzung in den nächsten Jahrzehnten. Nach ihrer Einschätzung könnte die Technologie etwa bis 2150 Wirklichkeit werden. Die Architekten betonen dabei, dass die enormen Materialmengen, die nach Ausbrüchen zurückbleiben, potenziell den Bau ganzer Stadtviertel ermöglichen könnten. Sie betrachten diesen Ansatz als Möglichkeit, den Kohlenstofffußabdruck der Bauindustrie erheblich zu senken, die heute eine der größten Quellen für CO₂-Emissionen in der Weltwirtschaft bleibt.
Venezianische Biennale und Interesse der Bauindustrie
Das Projekt wurde bereits zu Islands Beitrag zur 19. Internationalen Architekturbiennale der venezianischen Biennale 2025. Pálmadóttir betont, dass das Konzept nicht nur darauf abzielt, ein neues Baumaterial anzubieten, sondern auch dazu, das Verhältnis des Menschen zur Landschaft neu zu denken – von der Position eines Beobachters, für den der Vulkan ausschließlich eine Bedrohung darstellt, hin zur Position eines Mitwirkenden, der natürliche Prozesse für konstruktive Zwecke nutzt. Die isländische Bauindustrie habe, so Pálmadóttir, bereits Interesse am Projekt gezeigt, da sie angesichts wachsender ökologischer Anforderungen aktiv nach Wegen suche, die CO₂-Emissionen zu senken. Das isländische Konzept des „Lava-Baus“ ist somit nicht bloß ein künstlerischer Gestus, sondern ein strategisches Vorhaben, das die geologische Besonderheit des Landes mit den globalen Zielen einer nachhaltigen Entwicklung verbindet.