Japan, das jahrzehntelang als einer der bequemsten Schauplätze für die Tätigkeit ausländischer Nachrichtendienste galt, verändert seine Sicherheitsstrategie grundlegend. Tokio beginnt mit dem Aufbau eines mächtigen Systems zur Abwehr von Spionage, das als Antwort auf den starken Anstieg der Aktivität russischer Agenten dienen soll, die nach Technologien für den Krieg in der Ukraine suchen.
Vom „sicheren Hafen“ zur strengen Kontrolle
Lange Zeit wurde Japan von Geheimdiensten weltweit als idealer Arbeitsplatz wahrgenommen. Spionage wurde hier oft nicht als Straftat eingestuft, und die Verfassung des Landes, die die Vertraulichkeit der Kommunikation schützt, machte eine offizielle Überwachung ausländischer Agenten faktisch unmöglich. Die Behörden, die sich an die Trauma staatlicher Unterdrückung nach dem Zweiten Weltkrieg erinnerten, vermieden jahrzehntelang die Schaffung starker Geheimdienste. Versuche, strenge Gesetze zu erlassen, beispielsweise im Jahr 1985, scheiterten an massiven Bürgerprotesten.
Die Situation hat sich jedoch nach Beginn der vollen Invasion Russlands in der Ukraine geändert. Aus Europa verdrängt, wurden russische Spione massenhaft nach Asien verlegt. Laut lokalen Medien arbeiten derzeit mindestens 120 russische Spione in Japan. Ihr Hauptziel sind Mitarbeiter von Technologieunternehmen, deren Entwicklungen für die russische Kriegsmaschinerie von entscheidender Bedeutung sind.
Wie das russische Netzwerk in Tokio funktioniert
Einer der wichtigsten Knotenpunkte des Spionagenetzwerks wurde das Tokioer Büro der Fluggesellschaft „Aeroflot“. Über dieses organisierte der Kreml den Kauf von Technologien, die für die Herstellung von Waffen notwendig sind. Zudem wurde die Tätigkeit eines SVR-Offiziers aufgedeckt, der in einer Handelsvertretung arbeitete und die Sammlung geheimer Daten überwachte. Die Polizei hat bereits einen Ingenieur eines japanischen Unternehmens entlarvt, der Geschäftsgeheimnisse an einen russischen Kurator weitergab.
Das russische Verteidigungsministerium sucht aktiv nach Partnern unter japanischen Logistikunternehmen. Das Schema ist einfach: Waren werden in Drittländer geschmuggelt und von dort nach Russland weitergeleitet. Es ist bekannt, dass etwa 90 % der russischen Raketen und Drohnen japanische Komponenten enthalten. Darüber hinaus wird ein Plan zur Einfuhr von Flugtreibstoff aus Japan über ein Netzwerk von Vermittlern diskutiert.
Schaffung einer japanischen CIA
Die Regierung von Premierminister Sanae Takaichi hat beschlossen, entschlossen zu handeln. Das Parlament hat ein Gesetz zur Gründung eines Nationalen Geheimdienstrats verabschiedet, der die Operationen verschiedener Behörden in einer neuen einheitlichen Behörde (NIB) zusammenfassen wird. Die wichtigste Neuigkeit ist die Gründung einer Auslandsnachrichtendienstbehörde, die das japanische Äquivalent zur amerikanischen CIA oder der britischen MI6 werden soll.
Der Start der neuen Agentur ist für Anfang 2028 geplant. Bis Ende 2026 plant die Regierung, neue Gesetze zur Bekämpfung ausländischer Operatoren einzuführen.
„Angesichts der sich schnell verändernden Sicherheitslage wächst die Notwendigkeit, gegen ausländische Informationsaktivitäten vorzugehen, die unsere nationale Sicherheit gefährden, wie zum Beispiel der Diebstahl wichtiger Informationen“, erklärte Regierungssprecher Minoru Kihara.
Verstecktes Potenzial
Japan war nicht völlig wehrlos. Seit den 1950er Jahren existiert die Agentur für elektronische Aufklärung (DFS), die eng mit der US-amerikanischen Nationalen Sicherheitsbehörde (NSA) zusammenarbeitet. Im Zentrum Tokios, in einem Komplex des Verteidigungsministeriums, befindet sich ein unauffälliges Gebäude, in dem etwa 1700 Mitarbeiter tätig sind. Sie überwachen rund um die Uhr digitale Kommunikationskanäle und berichten nur dem Premierminister. Die USA haben Japan jahrelang Zugang zu modernen Systemen zur Massenüberwachung im Internet gewährt, was nun die Grundlage für eine neue aggressive Abwehrlinie bilden wird.