Für Jelena Swytlizka war Schauspielen lange Zeit wie eine endlose Prüfung, bei der sie immer wieder ihr Recht beweisen musste, vor der Kamera zu stehen. Im Interview mit Wave RBC.UA sprach die Schauspielerin offen darüber, wie sich ihr Verhältnis zum Beruf verändert hat: vom schmerzhaften Erleben jeder Absage bis hin zur bewussten Auswahl von Projekten, in denen ihre Figur etwas Bedeutendes hinterlässt. „Heute bin ich viel ruhiger. Ich will nicht mehr einfach nur drehen, nur um auf der Leinwand zu erscheinen. Mir ist wichtig, worum es in dieser Geschichte geht, was meine Figur hinterlässt und ob in der Rolle Raum für echtes kreatives Schaffen ist“, gesteht Swytlizka. Ihren Worten zufolge ist das Schauspielen für sie von einer Überlebensstrategie in der Branche zu einem Werkzeug der Selbstforschung geworden: „Jetzt ist es meine Art, mich selbst, die Menschen und die Welt zu erkunden“.
Von der Sprechstimme zur Schauspielerin: Wie die Kamera den Beruf eröffnete
Swytlizkas Karriere war keine Geschichte des sofortigen Erfolgs. Sie studierte am Filmfachbereich der Karpenko-Karj-Universität für Theater, Film und Fernsehen mit dem Schwerpunkt „Sprecherin und Moderatorin von Fernsehprogrammen“. Doch gerade die Arbeit vor der Kamera führte sie allmählich zum Schauspielen. „Ich kann nicht sagen, dass es einen bestimmten Moment gab, in dem ich mir dachte: ‚Aus, ich werde Schauspielerin‘. Dieses Bewusstsein kam schrittweise – jedes Mal, wenn ich vor der Kamera stand und spürte, dass ich durch eine andere Figur etwas sehr Persönliches und Wichtiges sagen kann“, erinnert sich die Schauspielerin. Ab 2011 begannen studentische Arbeiten, Castings, Episodenrollen und erste Serien. Phasen der Ungewissheit und Absagen hielten sie nicht auf: „Ich bin immer wieder zum Beruf zurückgekehrt. Ich denke, genau dann habe ich begriffen, dass es wirklich mein Ding ist“.
Zwei Rollen, die alles veränderten: von Walentina Tschistjakowa zur ersten Hauptrolle
Swytlizka nennt zwei Projekte, die Wendepunkte in ihrer künstlerischen Biografie waren. Das erste – die Serie „Будинок „Слово“. Нескінчений роман“, in der sie die Rolle der Walentina Tschistjakowa, Schauspielerin und Frau von Lesja Kurbas, übernahm. „Das war nicht die umfangreichste Rolle, aber inhaltlich sehr wichtig. Durch sie habe ich mich der Geschichte ukrainischer Künstler genähert, die man nicht nur physisch vernichten, sondern auch aus unserem Gedächtnis tilgen wollte“, erklärt die Schauspielerin. Die zweite Schlüsselphase – „Мій новий берег“, ihre erste große Hauptrolle. „Sie war für mich ein Test der beruflichen Ausdauer und der inneren Bereitschaft, eine ganze Geschichte auf meinen Schultern zu tragen. Dieses Projekt hat mir geholfen, mir endlich zu erlauben zu glauben, dass ich für große dramatische Rollen bereit bin“, erzählt Swytlizka.
Der Krieg hat die Figuren und die Sprache des ukrainischen Kinos verändert
Die Schauspierin betont, dass der Krieg dem ukrainischen Kino die Möglichkeit genommen hat, oberflächlich zu sprechen. „Selbst wenn wir eine Komödie oder eine Liebesgeschichte drehen, ist darin dennoch die Erfahrung eines Landes present, das jeden Tag um sein Überleben kämpft“, merkt sie an. Den Worten Swytlizkas zufolge haben sich die Figuren selbst verändert: Im Zentrum der Geschichten stehen immer häufiger gewöhnliche Menschen, die mit extrem schwierigen Entscheidungen konfrontiert sind. Zu den zentralen Themen wurden Erinnerung, Verlust, Zuhause, Verantwortung, Freiheit und der Preis des menschlichen Lebens. Dabei besteht die Schauspielerin darauf: „Ich möchte, dass das ukrainische Kino nicht nur über den Krieg erzählt. Wir haben das Recht, der Welt die ganze Ukraine zu zeigen – verliebt, lustig, leidenschaftlich, widersprüchlich und lebendig“.
Die Vision der Zukunft: eine Branche, nicht nur Talent
Wenn es um die Perspektiven des heimischen Kinos geht, formuliert Swytlizka konkrete Erwartungen. Sie möchte ein ukrainisches Kino sehen, das „stark, systemisch und wettbewerbsfähig“ ist, mit regelmäßigem Kinostart ukrainischer Filme im weltweiten Vertrieb und der Beteiligung ukrainischer Schauspieler an internationalen Projekten, ohne Sprache und Identität aufzugeben. Zu den Prioritäten gehören die Entwicklung eines hochwertigen Genrekinos (Dramen, Komödien, Thriller, historische Filme, Projekte für Kinder), stabile Finanzierung, transparente Regeln und würdige Bedingungen für die Drehteams. „Wir haben bereits Talent und Themen, die die Welt hören muss. Jetzt brauchen wir eine Branche, die dieses Potenzial in ein systematisches Ergebnis verwandeln kann“, fasst die Schauspielerin zusammen.
Was man sehen sollte: Swytlizkas Empfehlungen
Zum Abschluss des Interviews nannte die Schauspielerin Filme, die ihrer Meinung nach jeder sehen sollte. Vor allem empfiehlt sie „Тіні забутих предків“ von Paradjanow – „um zu sehen, wie eigenständig, schön und mutig die ukrainische Filmsprache sein kann“. Auch auf ihrer Liste steht „Будинок „Слово“. Нескінчений роман“, das für sie persönlich der künstlerische Wendepunkt war. Diese Empfehlungen spiegeln die Botschaft des gesamten Interviews wider: Das ukrainische Kino verfügt über ein tiefes historisches und ästhetisches Potenzial, das sowohl nationale als auch internationale Anerkennung verdient.