Der russische Markt für Radioelektronik steht vor einem massiven Problem der Fälschung. Die Handels- und Industriekammer (ТПП РФ) hat dem Ministerium für Industrie und Handel Vorschläge zur drastischen Verschärfung der Kontrolle über die Herkunft inländischer Produkte übermittelt. Die Initiative zielt darauf ab, die „Pseudolokalisierung' zu beseitigen – eine Praxis, bei der Hersteller Geräte, die aus importierten Komponenten zusammengebaut wurden, als russische Produkte ausgeben.
Steuererleichterungen in Gefahr
In einem Schreiben der Vizepräsidentin der ТПП РФ, Elena Dybowa, an den stellvertretenden Leiter des Ministeriums für Industrie und Handel, Alexei Matushanski, wurden konkrete Gegenmaßnahmen dargelegt. Der Schlüsselvorschlag besteht in einer strengen Verknüpfung von Steuererleichterungen mit dem tatsächlichen Nachweis der Verwendung einer inländischen elektronischen Komponentenbasis. Ohne den Nachweis der Verwendung russischer Chips und Teile kann die staatliche Unterstützung eingestellt werden.
Zudem wird im Dokument die Möglichkeit einer zivil- und strafrechtlichen Haftung für Verstöße gegen die Anforderungen des nationalen Beschaffungssystems geprüft. Dies soll ein ernstzunehmendes Abschreckungsmittel für unseriöse Marktteilnehmer darstellen.
Wie der Betrugsschema funktioniert
Das Kernproblem liegt in der Unzulänglichkeit der aktuellen Prüfmechanismen. Der Vizepräsident der GS Group, Sergei Dolgopoljski, stellt fest, dass ein erheblicher Teil der „pseudolokalisierten' Produkte in einer Grauzone liegt. Das Schema ist einfach: Um in das Register des Ministeriums für Industrie und Handel aufgenommen zu werden, stellt der Hersteller Muster bereit, die auf der Basis inländischer Komponenten zusammengebaut wurden. Beim Start der Massenproduktion werden diese Komponenten jedoch durch ausländische ersetzt.
Experten haben eine Reihe von Merkmalen identifiziert, anhand derer solche Produkte erkannt werden können:
- Fehlen eigener Produktionsstätten beim Hersteller;
- Kürzlich gegründete juristische Person;
- Unrealistisch kurze Fertigungszeiten im Vergleich zu den bei der Registrierung angegebenen;
- Fehlen von geistigem Eigentum bei der Firma.
Preisanomalie als Indikator
Das Unternehmen Fplus fügte einen wichtigen wirtschaftlichen Indikator hinzu. Produkte, die nach dem Schema der „Pseudolokalisierung' erstellt wurden, kosten immer 20–40 % weniger als Analoga von ehrlichen Wettbewerbern. Dies erklärt sich durch das Fehlen tatsächlicher Investitionen in die Entwicklung und die Nutzung fertiger ausländischer Lösungen.
Die Situation wird dadurch verschärft, dass Auftraggeber oft über keine effektiven Mechanismen zur Eingangskontrolle verfügen und die tatsächliche Zusammensetzung der Produkte nicht überprüfen können. Infolgedessen setzen Unternehmen auch nach der Aufnahme der Waren in das Register inländischer Radioelektronikprodukte weiterhin ausländische Komponenten ein.
Umfang des Marktes und des Registers
Der Grad der Lokalisierung von Produkten wird durch die Regierungsverordnung Nr. 719 geregelt, die ein Punktesystem vorsieht. Punkte werden für die Verwendung lokaler Komponenten und Produktionsprozesse vergeben. Derzeit sind im Register des Ministeriums für Industrie und Handel rund 20.000 Positionen verzeichnet, darunter Leiterplatten, Prozessoren und Datenspeichersysteme.
Laut Schätzungen der Behörde erreichte das Marktvolumen im vergangenen Jahr 4 Billionen Rubel. Der Anteil inländischer Hersteller stieg von 12–12,5 % im Jahr 2020 auf 62 % im Jahr 2025. Doch genau dieses Wachstum macht den Kampf gegen Fälschungen für die Bewahrung der tatsächlichen technologischen Souveränität von kritischer Bedeutung.