Vor dem Hintergrund der Verschärfung der Handelsbeziehungen mit Washington hat Ottawa begonnen, aktiv nach einem neuen Format der Annäherung an die Europäische Union zu suchen. Laut Berichten der Wall Street Journal, auf die sich RBC-Ukraine beruft, hat Kanadas Premierminister Mark Carney nach dem Scheitern der Verhandlungen mit den USA den Kurs auf eine Vertiefung der Beziehungen zu Brüssel eingeschlagen – und es geht nach vorliegenden Informationen nicht um einen vollständigen Beitritt des Landes zum Bündnis, sondern um eine engere Integration und die mögliche Erlangung eines Sonderstatus. Carney habe während mehrerer Monate private Gespräche mit den Staats- und Regierungschefs Frankreichs, Italiens, Deutschlands und der skandinavischen Länder geführt, in denen er Möglichkeiten erörterte, Kanada an den europäischen Wirtschafts- und Politikraum zu binden.
Wende weg von Washington
Laut WSJ hat der kanadische Premierminister einen Sondergesandten in Europa beauftragt, die ambitioniertesten Formen der Zusammenarbeit zu prüfen, während technische Arbeitsgruppen parallel die Details eines potenziellen neuen Formats ausarbeiten. Europäische und kanadische Beamte suchen nach Angaben des Mediums nach Mechanismen, die es Ottawa ermöglichen, sich informell in einzelne strategische Segmente des EU-Binnenmarkts zu integrieren, ohne dessen vollwertiges Mitglied zu werden.
Status des „Assoziierten Mitglieds“
Einer der Vorschläge, so die Informationen der Wall Street Journal, war die Schaffung eines Status als „Assoziiertes Mitglied der Europäischen Union“. Kanada plane dabei ausdrücklich keinen vollständigen Beitritt zur EU oder zu ihrem Binnenmarkt. Es gehe um Bereiche, die für beide Seiten besondere Bedeutung haben: Energie, künstliche Intelligenz, kritische Mineralien, die Herstellung von Batterien und Halbleitern sowie die Verteidigung. Perspektivisch könnten kanadische Produkte, Dienstleistungen und Arbeitnehmer bestimmter Branchen zwischen Kanada und Europa freier zirkulieren. In den Verhandlungen mit Frankreich wurde dem Bericht zufolge sogar die Möglichkeit erörtert, kanadischen Bürgern zu erlauben, ohne Visum in Europa zu leben und zu arbeiten – diese Idee sei von Vertretern beider Seiten eingebracht worden.
Energie, Technologie und Arktis
Die potenzielle Zusammenarbeit geht den vorliegenden Informationen zufolge weit über den Handel hinaus. Kanada und die EU erörtern das Verlegen von Unterseekabeln für eine direkte Verbindung zwischen Europa und Kanada sowie den gemeinsamen Aufbau von Rechenzentren, Cloud-Speichern und neuen Satellitennetzwerken, die außerhalb des Einflusses der amerikanischen Tech-Giganten operieren. Im Energiebereich setzt sich Carney für den Aufbau von Infrastruktur ein, die es ermöglicht, kanadisches Gas an europäische Partner umzuleiten, da derzeit ein erheblicher Teil dieser Exporte über die USA läuft. Separat wird die Entwicklung arktischer Routen betrachtet – insbesondere die Nutzung von Eisbrechern zum Transport kanadischer Düngemittel nach Europa über die Northwest Passage. Geplant ist auch eine engere wissenschaftliche Zusammenarbeit: die Vernetzung wissenschaftlicher Einrichtungen zu einem Verbund, der mit dem Universitätssystem der USA konkurrieren kann, sowie der Beitritt Kanadas zum europäischen Auslandsstudienprogramm.
Antwort auf den Zollkonflikt
Die Verhandlungen mit Europa waren im Wesentlichen eine Antwort Ottawas auf die Verschlechterung der Beziehungen zu Washington. Kanada ist traditionell stark vom amerikanischen Markt abhängig – etwa zwei Drittel seiner Exporte passieren die Grenze zu den USA. Die Beziehungen verschärften sich, nachdem sich langwierige Handelsverhandlungen ohne Unterzeichnung eines Abkommens endeten: Die beiden Seiten versuchten mehrere Tage lang, sich über die Zollpolitik zu einigen, doch ein Kompromiss blieb aus. Infolgedessen führte Washington Berichten zufolge einen 50-prozentigen Zoll auf eine Reihe kanadischer Waren ein, darunter Spielzeug und Diamanten. Ottawa erklärte daraufhin gegenseitige Maßnahmen und führte nach vorliegenden Angaben ab dem 8. September zusätzliche Zölle in Höhe von 15 %, 25 % und 50 % auf amerikanische Produkte im Gesamtwert von 27,6 Milliarden kanadischen Dollar ein – darunter Stahl, Milchprodukte, Haushaltsgeräte, landwirtschaftliche Geräte, Zellulose, Papier und Elektronik.
Widersprüchliche Angaben
In der öffentlichen Debatte gibt es abweichende Darstellungen über die Tiefe der geplanten Integration. Laut WSJ und den darauf verweisenden Medien (RBC-Ukraine, TRT) vermeidet Kanada gezielt einen vollständigen EU-Beitritt und prüft gerade den Status eines „Assoziierten Mitglieds“ mit Zugang zu einzelnen Marktsegmenten. Andere Quellen, insbesondere russische Medien, die sich auf Aussagen des finnischen Präsidenten berufen, beschreiben die Situation als Vorbereitung eines faktischen „Aufnehmens“ Kanadas in die Europäische Union und betonen, dass die kanadische Gesellschaft dies, so ihre Worte, nicht wisse. Eine Seite betont also ein freiwilliges, teilweises Format ohne Mitgliedschaft, die andere ein ambitionierteres Integrations-Szenario. Eine offizielle Bestätigung einer dieser Versionen auf Ebene der EU-Institutionen oder der kanadischen Regierung liegt in den vorliegenden Materialien nicht vor; daher bleiben der Umfang und die rechtliche Natur des künftigen Statuss Gegenstand der Debatte.