Die Aufsehen erregende Operation «Karthago 2.0», die vom Nationalen Antikorruptionsbüro der Ukraine (NABU) und der Speziellen Antikorruptionsstaatsanwaltschaft (SAP) durchgeführt wurde, hat eine breite öffentliche Diskussion ausgelöst. Gleichzeitig hat sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit laut dem von RBK-Ukrajina zitierten Experten Ihor Tschalenko auf politische Spekulationen verlagert, während Fragen zum Gang der Ermittlungen, zur Rechtmäßigkeit der Handlungen von Gesetzeshütern und zu deren Verantwortung im Schatten bleiben. Bereits den dritten Tag in Folge dominieren im öffentlichen Raum Debatten über die Gründe für die Durchführung der Operation genau zum jetzigen Zeitpunkt, die Rechtmäßigkeit der Veröffentlichung von Aufnahmen und die möglichen Folgen der nächsten Konfrontation zwischen Strafverfolgungsbehörden.

Fokuswechsel: Von den Ermittlungen zur politischen Konfrontation

Ihor Tschalenko betont, dass die öffentliche Aufmerksamkeit vor allem auf die Umstände der Ermittlungen und die Effizienz der Antikorruptionsorgane gerichtet sein sollte. Seiner Ansicht nach darf die Untersuchung schwerer Straftaten weder durch das Kriegsrecht noch durch hohe Ämter der Beschuldigten oder deren politische Verbindungen gestoppt werden. Bei Vorliegen von Beweisen muss die Verantwortung unabhängig vom Status eintreten. Der Experte lenkt das besondere Augenmerk auf den Fall Andrij Ossipow: Es muss festgestellt werden, wann genau die Ermittlungen begannen, welche verfahrensrechtlichen Entscheidungen in jeder Phase getroffen wurden und ob es Versuche gab, das Verfahren einzustellen.

Rechtmäßigkeit der Maßnahmen und die Frage der Zeitlichkeit

Ein weiterer Fragenkomplex, den Tschalenko aufwirft, betrifft die Rechtmäßigkeit der Handlungen von NABU und SAP während der Ermittlungen. Der Experte stellt die Frage, ob die Strafverfolgungsbehörden die Möglichkeit hatten, die mutmaßliche kriminelle Tätigkeit früher zu unterbinden, und ob dafür ausreichend Beweise vorlagen. Er plädiert zudem für eine unabhängige Überprüfung der Arbeit der Antikorruptionsbehörden und betont, dass öffentliche Präsentationen von Ermittlungsergebnissen, die Veröffentlichung von Aufnahmen und Aufsehen erregende Durchsuchungen nicht an die Stelle einer objektiven Bewertung der Rechtmäßigkeit und Effizienz der Behördenarbeit treten dürfen.

Strafverfahren gegen die Leiter von Antikorruptionsbehörden

Als eine weitere klärungsbedürftige Frage bezeichnete der Experte den Stand der Strafverfahren gegen Vertreter der Führung von Antikorruptionsbehörden, insbesondere Olexandr Klymenko und Semen Krywonos. Tschalenko schlägt vor, die Umstände der Einstellung des Verfahrens gegen Semen Krywonos durch die Hauptuntersuchungsdirektion (SBI) zu klären und zu prüfen, ob Druck auf Ermittler ausgeübt wurde. Seiner Überzeugung nach sollten solche Überprüfungen von unabhängigen Spezialisten durchgeführt werden, die nicht mit den Konfliktparteien verbunden sind.

Auswirkungen auf das Vertrauen in staatliche Institutionen

Der Politologe warnt davor, dass die anhaltende Konfrontation zwischen Strafverfolgungsstrukturen und Skandale um Beamte das Vertrauen der Bürger in staatliche Institutionen negativ beeinflussen. In diesem Kontext wirft er die Frage nach der Verantwortung des gesamten Systems der Staatsmacht für die Gewährleistung einer stabilen Arbeit der staatlichen Organe unter den Bedingungen innerer Konflikte auf. Zusammenfassend betonte Tschalenko die Notwendigkeit, nicht nur die Umstände konkreter Durchsuchungen und der Veröffentlichung von Materialien festzustellen, sondern auch die Arbeit des Strafverfolgungssystems auf der Grundlage von Gesetzmäßigkeit, Rechenschaftspflicht und Unabhängigkeit vom politischen Einfluss sicherzustellen.

Zur Erinnerung: Im Rahmen der Operation «Karthago» hat das NABU Mitschnitte von Gesprächen veröffentlicht, die sich auf die Aktivitäten einer neuen kriminellen Vereinigung beziehen. Der Ermittlungstheorie nach haben deren Teilnehmer unrechtmäßige Vorteile an Amtsträger der Strafverfolgungsbehörden übergeben, wobei amtierende Vertreter des SBU, der Nationalen Polizei und des Amtes der Generalstaatsanwaltschaft in das illegale Schema verwickelt waren. Während der Operation nahmen NABU-Detektive General Serhij Duka fest, der das Amt des ersten stellvertretenden Leiters der SBU-Abteilung zum Schutz der nationalen Staatlichkeit innehatte. SBU-Chef Olexandr Poklad entließ zwei hochrangige Beamte des Geheimdienstes, die in den Ermittlungen auftauchen. Am 5. November 2026 informierten NABU und SAP fünf Mitglieder der im Rahmen der Operation «Karthago» entlarvten kriminellen Vereinigung über den Verdacht.