Auf chinesischen Kurzvideoplattformen verbreiten sich massenhaft fiktive Charaktere, die mithilfe künstlicher Intelligenz generiert wurden und ältere Zuschauer unter dem Vorwand von Armut und Not zum Kauf von Produkten animieren. Laut dem SCMP treten diese virtuellen Avatare, die im Netz unter dem Sammelbegriff „Xiaohai“ bekannt sind, als Jugendliche in Schuluniformen oder schlichten weißen Hemden auf, die vor der Kamera weinen und von ihrer Armut berichten. Die Charaktere wenden sich an das Publikum als „Tanten und Mütter“ und teilen fabrizierte Geschichten: In einem Video hält eine Protagonistin ein gedämpftes Brötchen in der Hand und klagt, sie müsse sich im Klassenzimmer verstecken, um zu essen, während ihre Mitschüler in der Mittagspause sind; in einem anderen fleht ein Junge im Regen die Zuschauer an, Buchweizenbrei zu kaufen, um sein Verkaufsziel zu erreichen und Spott unter Gleichaltrigen zu vermeiden.
Manipulationsmechanik und überhöhte Preise
Auf die emotionale Darbietung folgt ein kommerzieller Aufruf: Die „Xiaohai“-Charaktere bewerben Nahrungsergänzungsmittel, Haushaltswaren und Lebensmittel und behaupten, das Geld zu brauchen, um alleinerziehende Väter zu unterstützen. Den Berichten zufolge sind die Preise für die angebotenen Produkte dabei erheblich überhöht. So soll eine Flasche Speiseöl, die über Xiaohai-Accounts für 99 Yuan (ca. 390.000 Dong) verkauft wird, auf dem Großmarkt etwa 60 Yuan (ca. 237.000 Dong) kosten. Die Provisionsgebühren auf den Plattformen erreichen bis zu 55 %, was den Account-Betreibern erhebliche Gewinne ermöglicht. Ein Brancheninsider berichtete gegenüber Beijing News, dass Content-Creator, die zugängliche KI-Tools zur Generierung von Xiaohai-Videos nutzen, täglich zwischen 2.000 und 3.000 Yuan (ca. 7,9–11,8 Millionen Dong) verdienen können.
Ausmaß des Phänomens und Zielgruppe
Der „Xiaohai“-Trend hat sich rasant auf chinesischen Kurzvideoplattformen ausgebreitet; die Gesamtaufrufe thematischer Videos überstiegen 600 Millionen. Die Hauptabonnentenbasis besteht aus Menschen mittleren und älteren Alters, die in den Kommentaren Mitgefühl für die erfundenen Geschichten zeigen und Käufe tätigen, um den Charakteren zu „helfen“. Stand Oktober 2026 wurden die meisten mit Xiaohai zusammenhängenden Videos von den Plattformen entfernt, genaue Statistiken über die Gesamteinnahmen der Content-Creator wurden jedoch nicht öffentlich bekannt gegeben.
Reale Folgen: Der Vorfall in Urumqi
Einer der anschaulichsten Vorfälle ereignete sich im Mai 2026 in Urumqi. Die Polizei stoppte eine 79-jährige analphabetische Frau, die alleine in einem Zug saß und darauf the-starrte, in die nordchinesische Provinz Shanxi zu reisen, um „Xiaohai“ persönlich zu treffen. Die ältere Dame erklärte, während eines Livestreams habe der Charakter sie eingeladen, Pilze zu essen und Blumen zu bewundern. Die Ordnungshüter kontaktierten ihre Familie, brachten die Frau nach Hause und klärten sie darüber auf, dass der Junge auf dem Bildschirm eine fiktive, von einem neuronalen Netz erschaffene Gestalt ist. Dieser Fall veranschaulicht deutlich das tiefe Vertrauen, das ältere Zuschauer in virtuelle Charaktere setzen.
Rechtliche Bewertung und Expertenmeinungen
Anwälte warnen, dass das absichtliche Erfinden von Geschichten zur Steigerung der Online-Verkäufe als Betrug eingestuft werden kann. Gleichzeitig bietet Professor Ma Liang von der Peking-Universität einen anderen Blickwinkel: Seiner Ansicht nach spiegelt das „Xiaohai“-Phänomen eine soziale Realität wider, in der einige ältere Menschen, die unter chronischer Einsamkeit leiden, sich dem Online-Shopping und virtuellen Charakteren zuwenden, um eine emotionale Leere zu füllen. Hinter dem kommerziellen Schema verbirgt sich somit ein tieferes Problem der sozialen Isolation der älteren Generation im Zuge einer rasanten Digitalisierung der Gesellschaft.
Gegen-Aktivismus und Entfernung von Inhalten
Als Reaktion auf die Verbreitung manipulativer Videos haben einige technikaffine Nutzer begonnen, KI zu nutzen, um Inhalte mit sogenannten „bösen Xiaohais“ zu erstellen. In diesen Videos tritt der Charakter in Gefängniskleidung auf und entschuldigt sich bei Fans oder prunkt im Gegenteil mit teurer Kleidung, raucht und prahlt mit der Ausbeutung von „Frauen und Müttern“. Solche Videos sollen Eltern und Großeltern helfen zu erkennen, dass sich hinter dem idealisierten Bild eines armen Jugendlichen ein kommerzielles Geschäftsmodell verbirgt. Gleichzeitig haben Kurzvideoplattformen mit der massenhaften Löschung der originalen Xiaohai-Clips begonnen, wobei die Frage nach systematischen Gegenmaßnahmen und strafrechtlicher Verantwortung der Organisatoren offen bleibt.