Russische informationspsychologische Operationen haben längst den Rahmen simpler Fakenews und propagandistischer Parolen verlassen. Laut dem ehemaligen stellvertretenden Chef des Hauptnachrichtendienstes des Verteidigungsministeriums, Generalmajor Ilija Pawlenko, besteht ihr Hauptziel heute darin, das Verhalten der Bürger der Ukraine und die Entscheidungen der staatlichen Führung so zu beeinflussen, dass sie den Interessen des Gegners entsprechen. In einem neuen Gastbeitrag für RBC-Ukraine legt der Experte die Mechanismen dieser Einflussnahme im Detail dar: von Angst und persönlichen Daten bis hin zu künstlicher Intelligenz und der Ausnutzung realer ukrainischer Probleme.
Von der sowjetischen Erfahrung zum hybriden Krieg
Die Instrumente psychologischer Operationen und die Einheiten, die sie durchführen, sind nicht erst heute entstanden. Bereits in der Sowjetzeit wurden sie aktiv eingesetzt: Selbst nach der Entwicklung der Atomwaffe im Westen versuchte die UdSSR viele Aufgaben gerade durch informationspsychologische Einflussnahme zu lösen. In Afghanistan, so Pawlenko, verbreiteten die entsprechenden Einheiten Gerüchte und Anekdoten, verteilten der Bevölkerung Lebensmittel und Kraftstoff, versuchten, deren Sympathien zu gewinnen, und gleichzeitig die Führer der Gegenseite zu kompromittieren. Mit der Zeit wurde diese Erfahrung Teil des russischen Verständnisses des hybriden Krieges, dessen Logik darin besteht, dass das Gebiet vor einem unmittelbaren Angriff „vorbereitet“ werden muss – durch informationspsychologische Einflussnahme soll die Wahrnehmung der Bevölkerung des Gegners verändert werden, da der hybride Krieg vor allem auf die Erreichung politischer Ziele abzielt und nicht auf die Eroberung von Territorium.
Wer und wo führt kognitive Operationen durch
Pawlenko behauptet, dass nach Beginn des Krieges im Jahr 2014 der GRU Vertreter aus dem Zentrum nach Rostow am Don entsandte, wo Gruppen für informationspsychologische Operationen zur Arbeit auf den besetzten ukrainischen Gebieten eingerichtet wurden. Seinen Worten zufolge wurden damals Gespräche abgefangen, in denen die Operatoren in das Zentrum anriefen und die Herstellung von „Visitenkarten Jaroschs“ bestellten, die anschließend als angeblich gefundenes „Beweismaterial“ präsentiert wurden. Der Experte betont, dass dies nicht nur Aufgabe des GRU ist: Ähnliche Einheiten gibt es in den bewaffneten Streitkräften der Russischen Föderation und unterstehen dem Generalstab; an den Informationsoperationen sind zudem der FSB und der Auslandsgeheimdienst (SWR) beteiligt. Bekannt sind Truppenteile, die die Funktion von Zentren für psychologische Operationen in Rostow am Don, Moskau, Sankt Petersburg, Jekaterinburg, Chabarowsk und Kursk erfüllen. Auf den besetzten Gebieten arbeiten sie über Plakate und Werbetafeln, Narrative über Russen als „brüderliches Volk“ und andere Mittel und verändern schrittweise die Wahrnehmung der Realität.
Propaganda versus kognitive Einflussnahme
Zwischen Propaganda und psychologischen Operationen besteht ein wesentlicher Unterschied. Propaganda versucht vor allem, bei der Bevölkerung bestimmte Überzeugungen zu formen, während moderne Operationen weiter gehen: Immer öfter ist von kognitiven Operationen, kognitiver Einflussnahme und kognitiver Kriegsführung die Rede. Wenn das Ziel einer klassischen psychologischen Operation darin bestehen kann, den Widerstandswillen der Bevölkerung zu brechen, so ist das Ziel einer kognitiven Operation, den Gegner, die Gesellschaft oder die Führung eines Staates dazu zu bringen, ihr Verhaltensmodell in eine für den Aggressor günstige Richtung zu ändern. Die Aufgabe besteht nicht mehr darin, dass ein Mensch an eine Falschmeldung glaubt, sondern darin, dass die militärische oder politische Führung eine für den Gegner vorteilhafte Entscheidung trifft, ohne die äußere Einflussnahme zu bemerken – also in einer unmittelbaren Einmischung in den Prozess des Denkens und Entscheidens.
Künstliche Intelligenz und das „Vergiften“ der Suchsysteme
Heute kombinieren die russischen psychologischen Operationen einen informations-, einen kybernetischen und einen nachrichtendienstlichen Bestandteil, und immer weiter werden Instrumente der künstlichen Intelligenz eingesetzt. Allerdings bleibt ein erheblicher Teil des von ihm generierten Inhalts aufgrund technologischer Einschränkungen des Gegners bislang von schlechter Qualität und erkennbar. Parallel existieren gut finanzierte Informationsnetze und Deckstrukturen: Die Russen nutzen angebliche Forschungsinstitutionen, erstellen gefälschte Websites und sogar Wikipedia-Analoga, um auf die Informationsumgebung anderer Länder einzuwirken – etwa auf den Wahlkampf in Armenien. In einem solchen System ist es wichtig, nicht nur einen konkreten Nutzer zu überzeugen, sondern dafür zu sorgen, dass Suchsysteme und künstliche Intelligenz bei der Informationssuche auf einen Datenbestand stoßen, in den bereits im Voraus die gewünschten Narrative eingebaut wurden.