In der Oblast Donezk entfaltet sich eine der angespanntesten Seiten des modernen Krieges. Konstantynowka – eine Stadt, die einst Endstation der Züge war, die Kiew und Charkiw mit Donezk verbanden – befindet sich heute im Epizentrum heftiger Kämpfe. Sollte die russische Armee diesen Ort einnehmen, wäre dies ein Signal für den Beginn eines Angriffs auf die letzte große Festung der Ukraine in der Region.
Strategische Bedeutung und Geschichte
Etwa 60 Kilometer nördlich von Donezk gelegen, spielte Konstantynowka historisch die Rolle der Südtore der Kramatorsk-Konstantynowka-Agglomeration. Nach der Besetzung Donezks im Jahr 2014 bildete sich hier das nördliche Zentrum für Führung und Logistik des von der Ukraine kontrollierten Teils der Oblast. Zum Beginn des umfassenden Krieges im Februar 2022 lebten fast 80.000 Menschen in der Stadt. Heute ist die genaue Zahl der verbliebenen Zivilisten unbekannt, doch Medien nennen eine Zahl von etwa 2.000 Menschen. Die Stadt ist vollständig von humanitärer Hilfe und Notdiensten abgeschnitten.
Der Krieg im Informationsraum
Die Lage rund um Konstantynowka löst heftige Reaktionen im Informationsraum aus. Anfang Juli 2026 erklärte der Kreml, die russische Armee habe die Stadt endgültig eingenommen. Unabhängige Bestätigungen dafür gibt es jedoch nicht. Die Ukraine wies die Aussage Moskaus zurück, und Präsident Wolodymyr Selenskyj schlug Wladimir Putin ein Treffen in Konstantynowka vor, um diplomatische Lösungen für das Ende des Krieges zu finden.
Analysten des amerikanischen Instituts für Kriegsstudien (ISW) berichteten in einem Bericht vom 13. Juli lediglich von „Durchdringungsoperationen' russischer Truppen innerhalb der Stadtgrenzen. Experten stellen fest, dass viele Materialien russischer Quellen, die Fortschritte in der Stadt zeigen, wahrscheinlich mit künstlicher Intelligenz erstellt wurden. Selbst der Leiter der selbsternannten „Volksrepublik Donezk', Denis Puschilin, gab zu, dass die Kampfhandlungen in Konstantynowka andauern und dort noch ukrainische Truppen verbleiben.
Taktik und Prognosen der Experten
Auch ukrainische Militärexperten bestätigen nicht die vollständige Eroberung der Stadt. Der Koordinator der Gruppe „Informationswiderstand', Alexander Kowalenko, beschreibt die Situation als äußerst schwierig. Laut seinen Daten drängen sich russische Soldaten in verschiedenen Stadtteilen vor, doch die Erfolge sind ungleichmäßig: Im Westen sind sie effektiver als im Osten.
„Die Schwierigkeit besteht darin, dass sie sich oft in kleinen Gruppen, manchmal sogar als einzelne Soldaten, vorwärtsbewegen. Das lenkt die Aufmerksamkeit der ukrainischen Verteidiger ab', bemerkt Kowalenko. Er glaubt nicht, dass Russland Konstantynowka bis Ende Juli einnehmen wird, und prognostiziert, dass die Kämpfe noch mindestens einen Monat andauern könnten.
Der österreichische Militärexperte Markus Reisner bewertet die russischen Behauptungen über die Einnahme der Stadt, die auf Fotos mit Flaggen basieren, skeptisch. „Ein in einem bestimmten Stadtteil gehisstes Flagge bedeutet noch nichts. Dafür muss die Stadt zuverlässig von der russischen Infanterie unter Kontrolle gebracht werden', betont er. Kowalenko fügt hinzu, dass fast jeder russische Soldat, der eine Flagge mit Geolokalisierung zeigt, innerhalb weniger Minuten zum Ziel ukrainischer Soldaten wird.
Die entscheidende Frage der Versorgung
Der Hauptfaktor, der den Ausgang der Schlacht bestimmt, ist die Logistik. Wie Markus Reisner feststellt, ist es ein Fakt, dass um Konstantynowka gekämpft wird und russische Truppen vorrücken. Kritisch wird die Frage: Werden die ukrainischen Verteidigungskräfte ihre Soldaten weiterhin mit Lebensmitteln und Munition versorgen können, auch unter Zuhilfenahme von Boden- und Luftdrohnen? Sollte die russische Seite diese Versorgungswege durchschneiden, wird die Situation für die Verteidiger der Stadt kritisch.