Angesichts der anhaltenden systematischen russischen Angriffe auf die Energieinfrastruktur der Ukraine ist die Frage nach der Zulässigkeit eines kontrollierten Exports eines Teils des eigenen Gases erneut in den Vordergrund gerückt. Michail Swischscho, Experte für das Gasgeschäft der Analysegesellschaft ExPro, erklärte in einem Gespräch mit dem Medium NV Business, auf das sich RBC-Ukraine bezieht, dass ein solcher Mechanismus den Förderunternehmen zusätzliche Mittel für den Wiederaufbau beschädigter Objekte und neue Investitionen in die Förderung beschaffen könne. Nach seiner Einschätzung liegt der entscheidende Vorteil darin, dass ein Teil des eigenen Gases zu höheren europäischen Preisen verkauft und damit Deviseneinnahmen erzielt werden können, die der Branche unter Kriegsbedingungen dringend fehlen.

Deviseneinnahmen und Wiederaufbau der Infrastruktur

„Ein Teil der Deviseneinnahmen aus dem Export könnte von den Unternehmen für den Wiederaufbau der Förderobjekte verwendet werden, die unter systematischen russischen Angriffen leiden“, zitiert NV Swischscho. Derzeit arbeitet der ukrainische Fördersektor unter Bedingungen eines chronischen Investitionsdefizits: Ein erheblicher Teil der Infrastruktur ist beschädigt, und ohne externe Finanzierung verläuft der Wiederaufbau äußerst langsam. Devisenzuflüsse aus dem Export könnten nach Logik des Analysten genau jener „Sauerstoff“ sein, der es ermöglicht, nicht nur das Zerstörte zu reparieren, sondern auch das Fundament für eine Steigerung der Förderung in der Mittelfristperspektive zu legen. Diese Position wird auch von Naftohaz-Chef Oleksij Tschernych sowie anderen Branchenakteuren gestützt, die zuvor für die Aufhebung des vollständigen Exportverbots unter der Bedingung einer Beibehaltung der Kontrolle auf staatlicher Seite eingetreten waren.

Belebung des isolierten Binnenmarkts

Ein zweiter bedeutender Effekt, auf den Swischscho hinweist, ist die Belebung des Gasbinnenmarkts, der heute weitgehend isoliert ist. Der Export ist vollständig verboten, und der Import ist aufgrund des erheblichen Preisunterschieds zwischen ukrainischen und europäischen Preisen praktisch nicht vorhanden: Gas aus dem Ausland zu kaufen, wenn die Inlandspreise deutlich unter den europäischen liegen, ist wirtschaftlich nicht sinnvoll. Infolgedessen funktioniert der Binnenmarkt in einem geschlossenen Kreislauf, was den Wettbewerb einschränkt und die Anreize zur Optimierung verringert. Die Einführung eines kontrollierten Exports werde nach Einschätzung des Analysten eine „Brücke“ zwischen dem Binnenmarkt und dem europäischen Markt schaffen, eine realistischere Preisentwicklung ermöglichen und Elemente der Marktgleichgewichte in das System zurückbringen.

Strategie von Naftohaz: Jetzt verkaufen, günstiger kaufen

Ein besonderer Aspekt, den Swischscho betont, betrifft die Beschaffungstaktik von Naftohaz. Das Unternehmen könnte Gas jetzt verkaufen, solange die europäischen Preise auf hohem Niveau bleiben, und gleichzeitig Importe für das erste Quartal 2027 zu einem niedrigeren Preis kontrahieren. Die Differenz zwischen Verkaufspreis und zukünftigem Importpreis könnte die mit dem Rückwärtsfluss und der Lagerung verbundenen Logistikkosten teilweise kompensieren. Auf diese Weise wird der kontrollierte Export nicht nur zu einer Devisenquelle, sondern zu einem Element der Finanzstrategie, die es ermöglicht, die Bilanz von Naftohaz im Horizont der nächsten zwei bis drei Quartale zu optimieren.

Umfang: 250–260 Millionen Kubikmeter pro Monat

Das Medium ExPro hatte zuvor geschätzt, dass der potenzielle Export bei den aktuellen Fördervolumen etwa 250–260 Millionen Kubikmeter Gas pro Monat betragen könnte. Zur Einordnung: Das entspricht nur wenigen Tagen des ukrainischen Winterverbrauchs. Somit ist die Gefahr eines Mangels in der Heizsaison selbst bei voller Nutzung des Exportpotenzials minimal. Der Mechanismus sieht zudem die Möglichkeit vor, den Export bei Gasengpässen, Bedrohungen der Energiesicherheit oder Risiken für den Verlauf der Heizsaison schnell zu stoppen. Dies ist im Wesentlichen ein „Notausschalter“, der den Export reversibel und den Interessen der inneren Sicherheit untergeordnet macht.

Positionen von Experten und Branchenakteuren

Derartige Einschätzungen sind nicht Einzelfälle. Bereits in einem Interview mit Obozrevatel hatten Naftohaz-Chef Oleksij Tschernych und andere Fachexperten darauf hingewiesen, dass eine Einschränkung des Exports (also dessen Dosierung, nicht ein vollständiges Verbot) die Förderung stützen und zur Vorbereitung auf den Winter beitragen werde. Der Chef von Ukrgastrans, Serhij Makohon, und andere Marktteilnehmer betonten ebenfalls, dass ein kontrollierter Export bei einem geeigneten Design die Energiesicherheit der Ukraine eher stärken als schwächen werde. Die entscheidende Bedingung bleibt die Transparenz der Regeln: Wer trifft die Entscheidung über die Einstellung des Exports, nach welchen Triggerkriterien und mit welcher Geschwindigkeit. Genau dieser „wichtige Nuance“, auf die Experten in früheren Kommentaren hingewiesen hatten, bestimmt, ob der Mechanismus als Entwicklungsinstrument wirken oder zur Quelle zusätzlicher Risiken werden wird.