In der russischen Ölraffinerie-Industrie hat sich eine beispiellose Krise entwickelt. Laut Analysten ist die Menge des in Russland verarbeiteten Öls auf den niedrigsten Stand seit 21 Jahren gesunken. Die Situation wird dadurch verschärft, dass offizielle Daten zur Branche eingestuft sind, doch Satellitenüberwachung und Logistikberichte zeichnen ein beunruhigendes Bild.

Rekordstarker Einbruch der Kapazitäten

Seit Beginn des laufenden Monats verarbeiten russische Ölraffinerien im Durchschnitt nur noch 3,91 Millionen Barrel Öl pro Tag. Dies ist ein historischer Tiefststand seit März 2005. Zum Vergleich: Im Vergleich zum gleichen Zeitraum des Vorjahres sind die Produktionsmengen um mehr als 1,4 Millionen Barrel pro Tag eingebrochen.

Ursache für diesen drastischen Rückgang ist eine Serie erfolgreicher Operationen der Streitkräfte der Ukraine. Nach Berechnungen von Bloomberg wurden in den letzten 100 Tagen etwa 50 Angriffe auf die russische Kraftstoffinfrastruktur verübt. Mindestens 24 der 34 großen russischen Ölraffinerien wurden getroffen.

Exportverbot und Weltmarkt

Der Mangel an Kraftstoff im Inland wurde so kritisch, dass die russischen Behörden zu radikalen Maßnahmen gezwungen waren. Bis Ende Juli wurde ein Verbot für den Export der meisten Arten von Dieselkraftstoff verhängt. Zuvor hatte der Kreml bereits die Ausfuhren von Benzin und Flugtreibstoff eingeschränkt.

Da Russland einer der wichtigsten weltweiten Exporteure von Diesel ist, hat sich die Verringerung seiner Lieferungen sofort auf die globalen Kurse ausgewirkt. Die Weltmarktpreise für Dieselkraftstoff sind auf mehrjährige Höchststände gestiegen. Die Situation auf dem internationalen Markt wird zusätzlich durch Lieferengpässe bei Mineralölprodukten aus dem Nahen Osten verschärft.

Auswirkungen auf die Kriegsmaschinerie

Die Folgen der Kraftstoffkrise machen sich bereits an der Front bemerkbar. Laut der Widerstandsbewegung „ATESH“ ist das russische Militärbefehlshaber im Süden der Ukraine aufgrund des Treibstoffmangels gezwungen, die Betankung mobiler Feuergruppen und Luftabwehreinheiten einzuschränken.

Die Benzinproduktion in Russland deckt derzeit nur etwa 65 % des saisonbedingten Bedarfs. Hauptursache dafür sind Angriffe ukrainischer Drohnen, die eine Reihe der größten Ölraffinerien außer Gefecht gesetzt haben. Obwohl Wladimir Putin zugab, dass die Angriffe der ukrainischen Streitkräfte „bestimmte Probleme mit Mineralölprodukten“ zur Folge hatten, versichert der Kreml weiterhin, dass die Situation stabilisiert werden könne. Die tatsächlichen Zahlen sprechen jedoch eine andere Sprache.