Laut westlichen Geheimdienstquellen, auf die sich The Telegraph beruft, hat Russland eine neue Welle von Sabotage an europäischen Rüstungsbetrieben eingeleitet. Die Angriffe werden unter dem Vorwand eines plausibaren Leugnens durchgeführt: Der Kreml rekrutiere laut Geheimdienstvertretern Mitglieder lokaler krimineller Gruppierungen, die Hersteller von Verteidigungsgütern sabotieren sollen. Ziel der Kampagne sei es, so die Quellen, die Entschlossenheit der NATO zu testen – mit genau kalkulierter Taktik: Die Vorfälle sind so inszeniert, dass sie nicht zur Auslösung des Artikels 5 führen, dem Bündelfürsorgeartikel des Bündnisses.

Brandstiftung bei Milrem Robotics und Festnahmen in Lettland

Der jüngste Vorfall war die Nacht vom 14. auf den 15. August, als in Tallinn das Gebäude des Unternehmens Milrem Robotics – einem Lieferanten unbemannter Bodenfahrzeuge für die ukrainischen Streitkräfte – in Brand gesetzt wurde. Diese Woche hat Lettland drei seiner Staatsbürger im Verdacht der Brandstiftung an diesem estnischen Drohnenhersteller festgenommen. Estlands Premierminister Kristen Michal erklärte, die Ermittler prüften, ob der Vorfall ein Sabotageakt war und ob Russland daran beteiligt war. Nach Einschätzung Tallinns fügt sich der Brand in ein breiteres Muster von Angriffen auf die ukrainischen Lieferketten innerhalb des NATO-Gebiets ein.

»Hybrider Krieg« und Geografie der Vorfälle

Wie ein NATO-Beamter mitteilte, hat Russland in den letzten Jahren Destabilisierungskampagnen gegen die Verbündeten beschleunigt und dabei Cyberangriffe, Mordversuche und Sabotageakte eingesetzt. Dieser »hybride Krieg« diene, so seine Worte, der Eskalation der Spannungen zwischen den Verbündeten selbst und der Dämpfung der Unterstützung für die Ukraine. Allein im laufenden Monat kam es zu Explosionen in großen Rüstungsbetrieben in Italien und Bulgarien, und earlier in diesem Jahr wurden ähnliche Vorfälle in Fabriken in Tschechien und Litauen registriert, die für die Ukraine arbeiteten.

So funktioniert das System: Vermittler und Kryptowährung

Russland hinterlässt laut Quellen selten Beweise, die einen Angriff direkt Moskau zuordnen lassen. Der Leiter des lettischen Staatssicherheitsdienstes, Normunds Mežvits, betonte, dass GRU-Offiziere nicht ins Zielland reisen, sondern in Russland bleiben. Sie pflegen Quellen in kriminellen Gruppierungen, die als Vermittler fungieren und über Messenger-Dienste wie Telegram kommunizieren. Genau diese Vermittler erteilen den Rekruten Aufgaben, die in Kryptowährung bezahlt werden und die oft nie erfahren, dass sie faktisch für Russen arbeiten. Der verdeckte Charakter der Angriffe wird als bewusste Versuch gewertet, Zwietracht unter den Verbündeten zu säen.

Widersprüchliche Angaben

Die Darstellungen der Beteiligten zur Beteiligung Russlands weichen erheblich voneinander ab. Auf der einen Seite vermuten die estnischen Behörden bereits eine russische Spur bei der Brandstiftung am Objekt von Milrem Robotics, und Geheimdienstquellen setzen die Serie von Vorfällen direkt mit dem Kreml in Verbindung. Auf der anderen Seite versuchten italienische und bulgarische Beamte, eine mögliche russische Beteiligung an den Explosionen in ihren Rüstungsfabriken zu bagatellisieren. Diese Diskrepanz spiegelt einen breiteren Riss innerhalb des Bündnisses wider: Die östlichen Mitglieder – Polen und die baltischen Staaten – sprechen viel lauter über die russische Aggression, während westlichere Länder wie Italien und Deutschland die Vorfälle aus Furcht vor einer Eskalation oft nicht Moskau zuschreiben wollen. Wie The Telegraph schreibt, ist genau dieser Riss zwischen den Verbündeten, den der Kreml zu vertiefen sucht.

Reaktion Tallinns

Estlands Premierminister Kristen Michal betonte, dass Versuche, Estland einzuschüchtern oder dazu zu zwingen, die Unterstützung der Ukraine einzustellen, keinen Erfolg haben würden. So erklären die östlichen NATO-Länder trotz der bewussten Anonymität der Angriffe und des Fehlens direkter Beweise ihre Bereitschaft, Kiew weiter zu unterstützen, und geben sich der Abschreckungstaktik nicht hin.