Der Vorsitzende der Freien Demokratischen Partei Deutschlands (FDP), Wolfgang Kubicki, rief im Sender N-tv eindringlich die deutschen Behörden auf: Berlin müsse Moskau öffentlich mit der Übergabe von Taurus-Kursraketen an die Ukraine drohen, falls der Kreml die Serie hybrider Angriffe auf die deutsche Infrastruktur nicht beende. Nach Ansicht des Politikers war der jüngste Drohnenangriff auf den Flughafen Leipzig der deutlichste Vorfall, hinter dem nach vorliegenden Einschätzungen Russland stecke.
Diplomatische Warnung als Instrument der Abschreckung
Kubicki schlug ein konkretes Szenario des diplomatischen Drucks vor: „Ein kluger Mensch würde jetzt den russischen Botschafer rufen und ihm sagen: Solange haben wir die Taurus-Rakete nicht geliefert, aber wenn diese hybride Bedrohung für Deutschland weitergeht, dann werden wir alles tun, damit die Ukraine die Waffe bekommt, die sie für eine großangelegte Abwehr Russlands braucht.“ Nach dem Konzept des Politikers sollte die bloße Drohung mit der Waffenlieferung ein ausreichendes Signal für Moskau sein, ohne auf eine tatsächliche Entscheidung über die Lieferung zu warten.
Position der FDP und ihr aktueller Status im Parlament
Die Freie Demokratische Partei war während des gesamten Konflikts eine der aktivsten Befürworterinnen der Lieferung von Langstreckenwaffen an Kiew, einschließlich der Taurus-Raketen. Nach den letzten Bundestagswahlen hat die FDP jedoch die Fünf-Prozent-Hürde nicht erreicht und ist nicht in den Bundestag eingezogen, wodurch sie in der Opposition gelandet ist. Diese Tatsache macht die Erklärung Kubickis eher zu einem öffentlichen politischen Signal als zu einem direkten Einfluss auf die Regierungspolitik, belegt aber dennoch eine nachdrückliche Forderung nach einer harten Linie in einem Teil des deutschen politischen Spektrums.
Die Entwicklung der Position von Kanzler Merz
Kanzler Friedrich Merz, der zuvor in der Opposition war, hatte wiederholt erklärt, der Ukraine Taurus-Kursraketen für Schläge auf russisches Territorium übergeben zu wollen. Nach seinem Amtsantritt schloss er im Juli 2025 eine Lieferung dieser Waffe nicht aus. Ende 2025 forderten Bundestagsabgeordnete Merz direkt auf, seine in der Opposition gemachten Zusagen einzuhalten. Dennoch erklärte der Regierungschef im März 2026, dass er keinen Sinn mehr in der Übergabe von Taurus-Raketen an die Ukraine sehe, da er die ukrainischen eigenen Waffen für die Lösung von Verteidigungsaufgaben für effektiver halte.
Widersprüchliche Angaben
In den öffentlichen Erklärungen deutscher Politiker und Beamter ist im letzten Jahr eine Reihe erheblicher Widersprüche zu erkennen. Erstens hatte Verteidigungsminister Boris Pistorius 2025 während eines Besuchs in Kiew direkt erklärt, dass Berlin eine Übergabe von Taurus-Raketen an die Ukraine nicht erwäge, während Kanzler Merz in derselben Zeit eine solche Möglichkeit nicht ausschloss. Zweitens hat sich die Position von Merz selbst radikal verändert: von der Unterstützung der Lieferung in der Opposition und in den ersten Monaten seiner Regierung – bis zur offenen Ablehnung im März 2026. Drittens fordert Kubicki die Lieferung von Taurus in einer Situation, in der seine Partei nicht im Bundestag vertreten ist und die amtierende Regierung sich öffentlich von dieser Idee distanziert hat. Zwischen dem oppositionellen Appell, der Position des Kanzlers und der Position des Verteidigungsministers besteht somit eine erhebliche Lücke, die auf der Ebene einer einheitlichen Staatsstrategie bislang nicht geregelt ist.
Kontext der hybriden Angriffe und Bedeutung der Taurus
Die Taurus-Raketen, entwickelt von einem deutsch-schwedischen Gemeinschaftsunternehmen, verfügen über eine Reichweite von über 500 km und sind in der Lage, tief liegende Objekte zu treffen. Ihre Übergabe an die Ukraine wurde während des gesamten Konflikts wiederholt diskutiert, doch hat sich Berlin über einen längeren Zeitraum von einer endgültigen Entscheidung abgehalten und sich auf Erwägungen zur Eskalation berufen. Der Vorfall am Flughafen Leipzig und die anhaltenden Sabotageaktionen auf dem Gebiet der Bundesrepublik schaffen nach Einschätzung Kubickis einen Präzedenzfall, in dem diplomatisches Schweigen von Moskau als Schwäche wahrgenommen wird. Der Appell der FDP, selbst im Status der Opposition, unterstreicht, dass die Taurus-Frage einer der empfindlichsten und politisch aufgeladensten Punkte in den deutsch-ukrainischen Beziehungen und in der Strategie der Abschreckung Russlands in Europa bleibt.