Die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), Christine Lagarde, erklärte in einem Interview mit der Zeitung Ouest-France, dessen Protokoll am 12. September 2026 auf der offiziellen Website der EZB veröffentlicht wurde, dass die Inflation in der Eurozone noch einige Zeit auf einem erhöhten Niveau bleiben wird. Ihren Worten zufolge wird der aktuelle Inflationsschock länger andauern, als Analysten zuvor angenommen hatten, und die Volatilität sowie der Druck auf die Energiepreise werden in absehbarer Zeit nicht nachlassen.
Längerer Schock und Gefahr eines Wachstumsrückgangs
Lagarde betonte, dass die Wirtschaft der Eurozone einen schweren Schock durchlebe, der voraussichtlich länger andauern werde als in früheren Prognosen angenommen. Die EZB-Präsidentin sagte voraus, dass der Konflikt im Nahen Osten anhalten werde und der anhaltende Druck auf die Energiemärkte das Wirtschaftswachstum der Region bremsen könne. Gleichzeitig zeige die Wirtschaft jedoch Widerstandsfähigkeit, was es der Zentralbank ermöglichte, die erforderlichen Gegenmaßnahmen zu ergreifen, ohne die Kontrolle über den geldpolitischen Prozess zu verlieren.
Energiepreise und geopolitische Faktoren
Bei der Analyse der Ursachen des Preisanstiegs verwies Lagarde auf den Krieg im Iran sowie auf die Zerstörung von Raffineriekapazitäten in mehreren Regionen, insbesondere in Russland. Ihren Worten zufolge seien gerade diese Faktoren für den erheblichen Anstieg der Energiepreise verantwortlich, der seinerseits das allgemeine Niveau der Verbraucherpreise erhöht habe. Unter den aktuellen Bedingungen liegt die Inflation in der Eurozone über 3 %, während das EZB-Ziel bei 2 % liegt.
Geldpolitik: Zweiter Zinsschritt
Angesichts des starken Anstiegs der Öl- und Gaspreise hat die EZB diese Woche einen zweiten Zinsschritt beschlossen. Nach der Anpassung liegt der Leitzins der Zentralbank bei 2,5 %. Der Chefvolkswirt der EZB, Philip Lane, hält diesen Wert nach Angaben informierter Quellen für die obere Grenze des neutralen Bereichs. Vertreter der Zentralbank seien der Ansicht, dass die Zinsen weiter steigen werden, bis die Inflation auf das Ziel von 2 % zurückkehrt.
Prognosen für 2027–2028 und Überarbeitung der Erwartungen
Laut den überarbeiteten Prognosen, die die EZB diese Woche veröffentlichte, wird die Inflation in der Eurozone in den Jahren 2027 und 2028 steigen. Die für 2028 prognostizierte Inflationsrate liegt nun leicht über dem Zielwert von 2 %. Gleichzeitig wurden die Wachstumsprognosen nach oben revidiert: Die Wirtschaft der Eurozone hat sich angesichts der Konflikte im Nahen Osten und anderer ungünstiger Faktoren, einschließlich der Handelspolitik der Vereinigten Staaten, widerstandsfähiger erwiesen als erwartet.
Positionen anderer Zentralbanken und allgemeiner Kontext
Schon früher diese Woche hatte der Präsident der Deutschen Bundesbank, Joachim Nagel, die Ansicht geäußert, dass die EZB möglicherweise die Zinsen etwas anheben müsse, um den Preisanstieg zu dämpfen. Damit kommt das Signal der Bereitschaft zu weiteren Zinserhöhungen nicht nur aus Frankfurt, sondern auch aus München, was den Druck auf die Zentralbank erhöht, in den kommenden Monaten eine strenge Geldpolitik beizubehalten.