Der leuchtende Wald aus dem Märchen ist zu einer wissenschaftlichen Tatsache geworden: biolumineszente Pilze sind kein Mythos, sondern ein ganz reales Naturphänomen, hinter dem komplexe biochemische Prozesse stehen. Ihr schwaches grünliches Leuchten ist am Tag kaum wahrnehmbar, und bei manchen Arten leuchtet nicht nur der Fruchtkörper, sondern auch das Myzel, das sich im Inneren des Holzes entwickelt. Laut dem Portal Sciencedirect hängt die Biolumineszenz bei Pilzen mit Luciferin und enzymatischen Reaktionen zusammen, bei denen die Energie genau in Form von Licht freigesetzt wird. Bekannt sind rund 125 Arten biolumineszenter Pilze, vertreten durch die Gattungen Armillaria, Mycena, Omphalotus, Panellus und andere. Im 2024 in der Ukraine erschienenen Schulbuch für Biologie von Waleri Sobol wird angemerkt, dass bis heute mehr als hundert solcher Arten beschrieben wurden, wobei die biologische Bedeutung des Phänomens nach wie vor nicht als abschließend geklärt gilt.
Wozu der Pilz Licht braucht: die „Leuchtturm“-Hypothese für Insekten
Eine der im wissenschaftlichen Umfeld am meisten diskutierten Hypothesen verbindet die Biolumineszenz mit der Anziehung von Insekten. Eine Reihe von Studien zeigte, dass grünes Licht bestimmte Wirbellose anlocken kann, die theoretisch Sporen auf ihrem Körper transportieren oder auf andere Weise zu ihrer Verbreitung beitragen. Nach dieser Logik fungiert das Leuchten als eine Art „Leuchtturm“ im nächtlichen Wald und erhöht die Chancen auf Fortpflanzung. Als universelle Regel kann diese Theorie jedoch nicht bezeichnet werden: Das in der Datenbank PubMed beschriebene Experiment mit dem australischen „Geisterpilz“ Omphalotus nidiformis ergab, dass dessen Leuchten keine potenziellen Sporenträger anzieht. Wissenschaftler halten es für möglich, dass die Funktion der Biolumineszenz bei verschiedenen Arten unterschiedlich ist und in manchen Fällen lediglich ein Nebenprodukt metabolischer Reaktionen darstellt.
Widersprüchliche Daten
In der wissenschaftlichen Literatur und in populären Quellen gibt es Abweichungen bei der Einschätzung der Anzahl biolumineszenter Arten und ihrer biologischen Funktion. Einerseits sind laut Wikipedia und einer Reihe von Übersichtsarbeiten etwa 125 Arten bekannt; andererseits operiert das ukrainische Lehrbuch von 2024 mit der Zahl „mehr als hundert“. Der Unterschied erklärt sich dadurch, dass die Taxonomie der Pilze aktiv aktualisiert wird und jährlich neue Arten beschrieben werden. Weitaus gravierender ist die Abweichung bei der Interpretation der Leuchtfunktion: Während einige Arbeiten die Rolle der Biolumineszenz als Anpassung zur Anziehung von Sporenträgern betonen, widerlegen die experimentellen Daten zu Omphalotus nidiformis diesen Mechanismus für diese Art zumindest direkt. Somit bleibt die Frage, „wofür“ Pilze leuchten, offen und bedarf weiterer Untersuchungen.
Kann man in der Ukraine leuchtende Pilze sehen
In der Ukraine ist tatsächlich ein Vertreter der Gattung Armillaria vorhanden – der Echte Herbst-Stockschwamm (Armillaria mellea), der in die Biodiversitätsdatenbank des Staatlichen Naturkundemuseums der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine aufgenommen wurde. Bei dieser Art kann die Biolumineszenz nicht mit dem Hut, sondern mit dem Myzel zusammenhängen, das sich im Inneren des Holzes entwickelt. Genau deshalb kann ein Mensch ein schwaches Leuchten auf altem oder faulendem Holz bemerken, selbst wenn der Pilzhut selbst nicht „leuchtend“ aussieht. In der Volkstradition wird dieses Phänomen als „Fuchsfeuer“ beschrieben – ein kaltes, kaum wahrnehmbares Leuchten faulenden Holzes, das mit der Tätigkeit von Pilzen zusammenhängt.
Warum das Leuchten so schwer zu bemerken ist und welche Mythen man entkräften sollte
Die Intensität der Biolumineszenz von Pilzen ist extrem gering: In Studien wird betont, dass sie für eine normale Wahrnehmung am Tag nicht ausreicht, und nachts wird das Leuchten erst bei völliger Dunkelheit sichtbar. Mondlicht, eine Taschenlampe oder sogar ein helles Telefonschirmbild überdecken das natürliche Leuchten leicht. Die hellsten biolumineszenten Pilze sind vor allem in tropischen und subtropischen Regionen konzentriert, daher sollte man in den ukrainischen Wäldern keinen Effekt „Waldlaterne“ mit hellem grünem Licht erwarten. Ein weiterer verbreiteter Mythos ist die Behauptung, der Pilz „speichert“ tagsüber Licht und strahlt es in der Dunkelheit aus. Tatsächlich ist die Biolumineszenz ein aktiver chemischer Prozess und keine Phosphoreszenz: Der Pilz „lädt sich“ nicht von der Sonne auf, das Licht entsteht dank Reaktionen, die im Moment ihres Ablaufs im Inneren der lebenden Gewebe stattfinden. Wenn also nachts im Wald ein alter Baumstumpf leicht grünlich erscheint, ist das keine Mystik – in der Natur gibt es tatsächlich Pilze, die in der Lage sind, gewöhnliches faulendes Holz in eine sehr schwache natürliche „Laterne“ zu verwandeln.