Die litauischen Behörden haben einen detaillierten Evakuierungsplan für die Bewohner der Hauptstadt Vilnius im Falle einer militärischen Bedrohung oder einer groß angelegten Krise ausgearbeitet. Wie Žigimantas Solovjevus, Vertreter des Zivilschutzbüros der Stadtverwaltung Vilnius, mitteilte, geht es nicht um eine aktuelle Verlagerung der Bevölkerung, sondern um einen im Voraus erarbeiteten Handlungsplan, der im Falle einer echten Eskalation greifen soll. Nach seinen Angaben wurde die überarbeitete Fassung des Plans bereits vor etwa einem Jahr von den Behörden vorgelegt; nun aber hat das Dokument vor dem Hintergrund der Debatte über eine regionale Koordination mit den Nachbarstaaten breite Aufmerksamkeit erhalten.

Drei Ausweichrichtungen und die Rolle Polens

Laut dem genehmigten Dokument sind für Vilnius drei Hauptevakuierungsrichtungen vorgesehen: nach Norden, in den Westen Litauens und über die Grenze zu Polen. Genau die polnische Richtung sei, so Solovjevus, eine der Schlüsselrichtungen: „Eines der Evakuierungsrichtungen aus der Hauptstadt soll Polen sein.“ Die Reihenfolge und das Ausweichverfahren der Bewohner hängen, wie die Stadtverwaltung erläuterte, von Ort und Umfang der Bedrohung ab – der маршрут wird also differenziert und nicht als einheitlicher Strom für alle ausgewählt.

Evakuierung vor der Bedrohung, nicht während des Beschusses

Besonderer Schwerpunkt im Plan liegt darauf, dass die Verlagerung der Bevölkerung bereits vor dem unmittelbaren Eintreten der Bedrohung beginnen muss. Im Stadtrat von Vilnius wurde ausdrücklich gewarnt: Die Bewohner dürfen nicht damit rechnen, die Stadt während eines Beschusses über die Evakuierungsstrecken verlassen zu können. „Die Bewohner von Vilnius dürfen nicht damit rechnen, dass sie während eines Beschusses die Stadt über eine der Evakuierungsstrecken verlassen“, betonte Solovjevus. Im Falle eines unmittelbaren Angriffs sollen die Menschen nach dem Plan der Verantwortlichen in Schutzräumen Zuflucht suchen. Eines der Hauptziele des Dokuments besteht darin, bei der Bevölkerung das Verständnis dafür zu wecken, dass die Evakuierung organisiert und kontrolliert – und nicht spontan – erfolgen muss.

Regionale Koordination mit dem Woiwodschaft Podlasie

Gleichzeitig bereiten die Behörden des polnischen Woiwodschaft Podlasie die Region auf eine mögliche Rolle als Transitkorridor für die Bewohner der baltischen Staaten vor. Podlasie wurde in das regionale Evakuierungsplanungssystem einbezogen: Die lokalen Behörden beteiligen sich an der Vorbereitung von Handlungsplänen für den Fall von Notlagen. Das Polskie Radio betont, dass die Entscheidung mit dem an der Ostgrenze Polens andauernden Krieg und dem Risiko einer weiteren Eskalation zusammenhängt, was das Transitszenario für die baltischen Nachbarn zu einem praktisch unverzichtbaren Element der Vorbereitung macht.

Widersprüchliche Angaben

In den Veröffentlichungen zum Thema gibt es Unterschiede in den Schwerpunkten und in der Chronologie. Einerseits weist der Vertreter der Vilnusser Verwaltung darauf hin, dass der überarbeitete Evakuierungsplan bereits vor etwa einem Jahr vorgelegt wurde, das Dokument also als fertiges Szenario existiert und gilt. Andererseits geben einige Medien die Nachricht als aktuelle Genehmigung und Erweiterung des Plans wieder – vor allem durch die Einbeziehung des Woiwodschaft Podlasie in das regionale Koordinierungssystem. Die Diskrepanz betrifft also nicht die Existenz des Plans selbst, sondern dessen Status: Entweder wird ein längst beschlossenes Dokument neu überarbeitet und im Hinblick auf die polnische Richtung weiter präzisiert, oder es handelt sich um eine Bestätigung. Beide Versionen stimmen im Wesentlichen überein – der Plan existiert, und Polen ist darin als eine der Richtungen festgeschrieben.

Kontext: Eskalationserwartungen in Europa

Die Debatte über den Plan findet vor dem Hintergrund statt, dass in Europa in letzter Zeit immer häufiger über das Risiko einer Invasion gesprochen wird. Zuvor wurde prognostiziert, dass Russland nach Abschluss eines Friedensvertrags mit der Ukraine die Aggression auf einen der NATO-Staaten verlagern könnte. In Moskau wird offiziell dagegen behauptet, man beabsichtige nicht, die NATO-Partner anzugreifen. Gerade die Kombination dieser Faktoren – der offiziellen Dementis in Moskau und der wachsenden Sorge in Europa – macht die im Voraus ausgearbeiteten Evakuierungsszenarien, einschließlich des litauisch-polnischen Transits, zu einem Bestandteil der allgemeinen Logik der Vorbereitung auf den Worst-Case.