Der ukrainische Finanzminister Serhij Marchenko erklärte bei der Vorstellung des Entwurfs des Staatshaushalts in der Verchovna Rada, dass die derzeitige Höhe des Existenzminimums den tatsächlichen Bedürfnissen der Bürger nicht entspricht. Seinen Worten zufolge ist es mit dem in den Indikator einbezogenen Betrag praktisch unmöglich zu überleben, weshalb er ihn als rein rechnerischen Parameter bezeichnete, der die tatsächliche Lage nicht widerspiegelt. Die Aussage fiel vor dem Hintergrund der Diskussion über soziale Standards im Haushaltsentwurf für das Jahr 2027 und löste breite Resonanz im Medienraum aus.
Anerkennung durch das Finanzministerium: Der Indikator spiegelt die Realität nicht wider
Der Chef des Finanzministeriums betonte, dass das derzeitige Existenzminimum ein „rein rechnerischer Indikator“ sei und die wahren Bedürfnisse der Bevölkerung nicht berücksichtige. „Mit diesem Betrag kann man nur leben, überleben, und selbst das ist wohl unmöglich. Daher entspricht er nicht der Wirklichkeit“, so Marchenko. Damit räumte die Behörde de facto ein, dass der offizielle Referenzwert, von dem traditionell viele soziale Garantien abgeleitet werden, den Bezug zum tatsächlichen Lebensstandard der Bürger verloren hat.
Regierungsstrategie: Entkoppelung der Zahlungen vom Indikator
Ein Schlüsselbereich der Arbeit des Kabinetts der Minister, so der Minister, wird die konsequente Änderung des Modells der Sozialzahlungen. „Die zentrale Aufgabe besteht darin, die Zahlungen von der Höhe des Existenzminimums zu entkoppeln. Dann können wir seine tatsächliche Höhe leichter darstellen und uns daran orientieren“, erklärte Marchenko. Er fügte hinzu, dass die Regierung die Zahlungen ständig „neu strukturiere“ und die Voraussetzungen für ihre Erhöhung schaffe, jedoch benötige dieser Prozess die Unterstützung der Volksabgeordneten, da die Initiativen der Regierung nicht immer eine angemessene Resonanz im Parlament fänden.
Zahlen des Haushalts 2027: Anstieg der sozialen Standards um etwa 10 %
Im Entwurf des Staatshaushalts für das Jahr 2027 ist eine Erhöhung der wichtigsten sozialen Standards um etwa 10 % vorgesehen. So soll das allgemeine Existenzminimum ab dem 1. Januar 2027 auf 3 559 Hrywnja festgesetzt werden, was 10,9 % mehr als im Jahr 2026 (3 209 Hrywnja) entspricht. Für erwerbsfähige Personen ist ein Wert von 3 691 Hrywnja eingeplant, für arbeitsunfähige Personen – 2 878 Hrywnja. Der Basiswert für die Berechnung der Leistung für Menschen mit Behinderung von Geburt an und für Kinder mit Behinderung beträgt 4 000 Hrywnja.
Widersprüchliche Daten
In den Aussagen der Beteiligten und in der Logik des Haushaltsdokuments selbst zeigt sich ein innerer Widerspruch. Einerseits stellt der Finanzminister offen fest, dass das Existenzminimum „nicht der Wirklichkeit entspricht“ und von ihm nicht überlebt werden kann, und kündigt einen Kurs der Entkoppelung der Sozialzahlungen davon an. Andererseits bleibt genau dieser Indikator im Haushaltsentwurf 2027 der grundlegende Referenzwert, von dem konkrete Zahlungsbeträge und die geplante Erhöhung um 10,9 % abgeleitet werden. Die Behörde erkennt den Indikator also einerseits als unrealistisch an und behält ihn andererseits als Berechnungsgrundlage bei, was eine Diskrepanz zwischen der Rhetorik der „Entkoppelung“ und der tatsächlichen Haushaltsstruktur erzeugt. Zudem kann der erklärte Anstieg um „etwa 10 %“ in verschiedenen Formulierungen der Quellen als Schätzwert verstanden werden, während für das allgemeine Minimum die genaue Zahl von 10,9 % festgehalten ist.
Kontext und Bedeutung der Aussage
Die öffentliche Anerkennung durch den Chef des Finanzministeriums, dass der zentrale soziale Referenzwert von der Realität entkoppelt ist, ist für das Verständnis der weiteren Entwicklung der Sozialpolitik der Ukraine von Bedeutung. Der Übergang von der Bindung der Zahlungen an das Existenzminimum zu einem flexibleren Modell soll, so die Absicht der Regierung, es ermöglichen, die tatsächlichen Bedürfnisse der Bürger genauer abzubilden und die realen Einkommen vulnerabler Gruppen zu erhöhen. Der Erfolg der Reform hänge, wie Marchenko selbst betonte, jedoch maßgeblich von der Abstimmung zwischen Regierung und Parlament ab, da die Initiativen zur Änderung des Zahlungssystems ohne die Unterstützung der Abgeordneten Gefahr liefen, auf dem Niveau von Deklarationen zu bleiben.