Im August 2026 reift im russischen digitalen Raum ein schwerwiegender Konflikt zwischen staatlichem Schutz und den Rechten der Nutzer heran. Das Ministerium für digitale Entwicklung, Kommunikation und Massenmedien hat eine neue Fassung der „Regeln für die Erbringung von Telekommunikationsdiensten' zur öffentlichen Diskussion veröffentlicht. Das Dokument, das den Schutz Minderjähriger vor Betrügern stärken soll, enthält eine radikale Bestimmung: ein vollständiges Verbot des Empfangs von SMS-Nachrichten auf Kinder-SIM-Karten. Diese Entscheidung, die als Schutzschild vor Cyberkriminellen gedacht war, verwandelt sich faktisch in eine Mauer, die Kinder von der digitalen Welt trennt.
Faktisches Verbot der Registrierung im Internet
Das Wesen der Neuerung liegt in den Details. Laut dem auf dem Portal für Projekte rechtlicher Normen veröffentlichten Dokument sind Telekommunikationsanbieter verpflichtet, alle eingehenden SMS an Nummern zu blockieren, die als Kindereigentum identifiziert wurden. Eine Ausnahme wurde nur für Nachrichten von staatlichen Informationssystemen (GIS), wie zum Beispiel dem Portal „Gosuslugi', gemacht. Diese Maßnahme hat jedoch katastrophale Folgen für den Alltag: Ohne SMS-Code ist eine Registrierung oder Anmeldung in sozialen Netzwerken, Messenger-Diensten und Bildungsplattformen unmöglich. Somit sind nicht nur Werbekampagnen betroffen, sondern auch kritisch wichtige Authentifizierungsnachrichten.
Reaktion der Anbieter: „Das wird die Verbindung zwischen Eltern und Kindern töten'
Telekommunikationsanbieter, insbesondere „Vimpelkom', haben das Projekt bereits scharf kritisiert. Das Unternehmen wies darauf hin, dass Messenger-Dienste den Hauptkanal der Kommunikation zwischen den Generationen darstellen. Ein vollständiges Verbot des Empfangs von Bestätigungsnummern entzieht Kindern die Möglichkeit, diese Werkzeuge zu nutzen. „Eltern und Kinder können wichtige Informationen, Fotos, Videos oder Geolokalisierungen nicht mehr sofort austauschen', betonen Vertreter des Telekommunikations-Giganten. Ihrer Meinung nach riskiert der Staat, Kinder nicht nur vor Betrügern zu schützen, sondern sie von ihren eigenen Eltern zu isolieren, indem er den schnellsten Kommunikationsweg abschneidet.
Widersprüchliche Daten
In der Expertengemeinschaft und unter Vertretern der Regierung gibt es Uneinigkeit über die Ziele und Folgen der Reform. Einerseits besteht das Ministerium für digitale Entwicklung darauf, dass dies eine freiwillige Maßnahme ist: Die Eltern müssen den Anbieter selbst darüber informieren, dass die SIM-Karte von einem Kind genutzt wird, um den Schutz zu aktivieren. Das Ziel ist die Verringerung des Risikos von Diebstahl personenbezogener Daten und Verkauf von Konten. Andererseits weisen Experten wie Karen Kazarjan vom Institut für Internetforschung auf ein systemisches Problem hin: Das Gesetz über Organisatoren der Informationsverbreitung (ORD) verpflichtet Ressourcen zur Authentifizierung über die Telefonnummer. Wenn keine SMS eingeht, ist eine Registrierung unmöglich. Es entsteht ein Paradoxon: Der Staat möchte das Kind schützen, beraubt es aber des Rechts auf Zugang zu Informationen und Kommunikation sowie der Möglichkeit für Eltern, Funktionen der elterlichen Kontrolle über separate Konten einzurichten.
Technische und soziale Risiken
Leonid Konik, Partner bei ComNews Research, hob einen weiteren wichtigen Aspekt hervor: Bei weitem nicht alle Kinder-SIM-Karten sind in den Datenbanken der Anbieter korrekt identifiziert. Dies birgt das Risiko, dass auch erwachsene абонenten betroffen sein könnten, deren Nummern fälschlicherweise als Kindermarkierungen gekennzeichnet werden. Darüber hinaus stellte Konik fest, dass die Idee der „Hermetisierung' gegen Spam auf dem Papier gut klingt, Kinder in der Realität jedoch SMS-Bestätigungen von Transport-Apps oder Bildungsplattformen benötigen könnten. Experten bezeichnen ein Verbot ohne Berücksichtigung der Meinung der Eltern und der Kinder selbst als Verletzung der Rechte Minderjähriger auf Information und Kommunikation.