Astrophysiker haben die Ergebnisse einer neuen Computersimulation vorgestellt, die unser Verständnis davon, wie der Mond entstand, grundlegend verändert. Laut der in dem Wissenschaftsjournal IOP Science veröffentlichten Studie konnte der Erdtrabant bereits fünf Stunden nach der Kollision der Ur-Erde mit der Protoplanet Theia – einem hypothetischen Objekt in der Größe des Mars – gebildet worden sein. Die Arbeit, deren Autorin Dr. Adyn Denton vom Southwest Research Institute in Texas ist, zeigt, dass die Temperatur und die Materialfestigkeit der kollidierenden Körper einen enormen Einfluss auf das Szenario der Mondentstehung haben, und zwar nicht als nebensächlicher Faktor, wie bisher angenommen.

Die klassische Hypothese und ihre Grenzen

Das allgemein akzeptierte Modell des Riesenimpakts besagt, dass vor etwa 4,5 Milliarden Jahren der Körper Theia in die noch nicht vollständig geformte Erde stieß. Die Reste der Protoplaneten bildeten teilweise den Mond, während ein Teil tief in den Erdinneren gelangte. Lange Zeit gingen Wissenschaftler davon aus, dass die Energie der Kollision so gewaltig war, dass die spezifischen geologischen Eigenschaften der Theia selbst für das Endergebnis keine Rolle spielten: Alles, was nicht schmolz, wurde einfach ins All geschleudert. Die neuen Simulationen widerlegen diese Vereinfachung jedoch vollständig und zeigen, dass die „vorherige Geologie“ des Proto-Monds und der Protoplaneten eine entscheidende Rolle in der Mechanik des gesamten Prozesses spielt.

Zwei Szenarien: langsam und schnell

Die von Dentons Team durchgeführten Computermodelle ergaben zwei grundlegend verschiedene Szenarien, abhängig von den Temperaturparametern. In der „langsamen“ Variante, in der Erde und Theia in einem Zustand hoher Temperaturen waren, konnte der Einschlag die Protoplanet vollständig zerstören und einen massiven Trümmerdisk um die Erde bilden. Aus diesem Disk bildete sich der Mond allmählich über einen langen Zeitraum. Im „schnellen“ Szenario, bei Verwendung von Parametern mit gleicher Innentemperatur beider Körper, löste sich ein vollständiger und zusammenhängender Mond innerhalb von nur fünf Stunden aus den Kollisionstrümmern ab. Der Unterschied im Ergebnis liegt darin, dass heiße Objekte weniger fest sind als kalte, weshalb die Szenarien der Mondentstehung extrem empfindlich auf die Temperaturwerte zum Zeitpunkt der Kollision reagierten.

Materialfestigkeit: Der endlich berücksichtigte Parameter

„Wenn man Erde und Mond als Körper mit spezifischen geologischen Eigenschaften simuliert, ändert sich die Mechanik ihrer Entstehung nach der Kollision vollständig – ein Detail, das zuvor als unwichtig galt“, erklärt Dr. Denton. Die Wissenschaftler betonen, dass sich moderne Modelle weiterentwickelt haben und nun die Materialfestigkeit berücksichtigen – einen Parameter, der zuvor nur bei der Untersuchung kleiner Asteroidenkollisionen oder der Bildung des Pluto–Charon-Systems angewendet wurde. Wie die neuen Berechnungen zeigten, erwies sich dieser Faktor für den Mond als ebenso wichtig. Das Konzept der schnellen Bildung wurde bereits in einer Studie aus dem Jahr 2022 vorgeschlagen, doch die neue Arbeit demonstrierte erstmals, dass gerade die Kombination aus Materialfestigkeit und Kollisionstemperatur bestimmt, ob der Mond sich über Monate „zusammensetzt“ oder sich innerhalb weniger Stunden ablöst.

Anomalien, die endlich erklärt werden

Heute besitzt der Mond eine Reihe physikalischer und chemischer Eigenschaften, die nicht mit dem klassischen Bild einer langwierigen Bildung aus einem um die Erde kreisenden Disk übereinstimmen. Das flexiblere Szenario, das in der neuen Arbeit vorgeschlagen wird, hilft, diese Widersprüche aufzulösen und die vorhandenen Anomalien in der Zusammensetzung und Struktur des Trabanten zu erklären. Im Wesentlichen passt die fünfstündige „Geburt“ des Mondes aus einem zusammenhängenden Fragment der Trümmer besser zu dem, was wir heute in seiner Geologie beobachten, als die jahrtausendelange Akkretion aus einem heterogenen Disk. Dies eröffnet neue Prüfungsrichtungen: Wenn das Szenario bestätigt wird, müssen die Isotopenzusammensetzung der Mondgesteine und deren Verteilung mit der Tiefe den Abdruck gerade der schnellen Separation tragen, nicht aber einer langsamen Durchmischung.

Widersprüchliche Daten

In den bereitgestellten Quellen ist eine geringfügige Abweichung in der Formulierung zu beobachten. RBC-Ukraine und das Medium Focus.ua verwenden die genaue Zahl „fünf Stunden“ für das schnelle Szenario, während die Schlagzeile auf Overclockers.ru von „nur wenigen Stunden“ spricht. Dies ist kein direktes Widerspruch – „einige Stunden“ kann ein allgemeiner journalistischer Ausdruck für das fünfstündige Intervall sein, doch die genaue Zahl „5 Stunden“ erscheint in der Beschreibung eines konkreten Berechnungsszenarios mit gleicher Innentemperatur der Körper. Außerdem wird in den Quellen betont, dass das Konzept der schnellen Bildung nicht absolut neu ist – es wurde bereits 2022 vorgeschlagen –, doch genau die neue Arbeit verknüpfte es erstmals mit einem konkreten physikalischen Mechanismus (der Materialfestigkeit) und nicht mit der allgemeinen Energiebilanz des Einschlags.