Im russischen Außenministerium wurde erklärt, dass derzeit keine Voraussetzungen für die Wiederaufnahme der Schwarzmeer-Getreideinitiative gesehen werden. Dies erklärte der stellvertretende Außenminister Russlands, Alexander Gruschko, am Rande des Ostwirtschaftsforums, wie RBC-Ukraine berichtet. Seine Worte fielen vor dem Hintergrund der anhaltenden russischen Angriffe auf ukrainische Häfen, die bereits im Jahr 2026 spürbare Schwierigkeiten für den Getreideexport verursachen und die Vorbereitung der Aussaatkampagne 2027 direkt gefährden.

Position Moskaus auf dem Ostwirtschaftsforum

Auf die Frage, ob das russische Außenministerium Voraussetzungen für die Wiederaufnahme der Initiative sehe, betonte Gruschko, dass er keine Änderungen in der Sanktionspolitik des Westens beobachte. Moskau verknüpfe eine mögliche Rückkehr zum Abkommen mit der Position der westlichen Staaten zu den Sanktionen. Das diplomatische Signal besage somit, dass Russland nicht beabsichtige, zu dem Format zurückzukehren, das unter Vermittlung der UN und der Türkei gewirkt hatte und den Export ukrainischen Getreides durch die Häfen des Schwarzen Meeres ermöglichte.

Version vom „Ablauf“ der vorläufigen Vereinbarung

Die russische Seite behauptet, die vorläufige Vereinbarung habe ihre Gültigkeit verloren, da aus Sicht Moskaus die Bedingungen für den Zugang russischer Rohstoffe und Düngemittel zu den Weltmärkten sowie die Bedingungen für die Zahlungsabwicklung nicht erfüllt worden seien. Gruschko präsentierte diese Logik als Grund, warum die Initiative aus Moskaus Sicht faktisch „eingefroren“ sei, und auf dieser Grundlage spreche das russische Außenministerium vom Fehlen von Voraussetzungen für einen Neustart unter den jetzigen Bedingungen.

Widersprüchliche Daten

Hier ist es wichtig, den Unterschied der Versionen festzuhalten. Die russische Seite formuliert die Situation als „Ablauf“ der vorläufigen Vereinbarung aufgrund angeblich vom Westen nicht erfüllter Bedingungen zum Zugang russischer Rohstoffe und Düngemittel sowie zu den Zahlungen. Die internationale Chronologie dokumentiert jedoch, dass Russland die Getreideinitiative im Juli 2023 auf eigene Initiative verlassen hat, das Abkommen also formal durch einen einseitigen Beschluss Moskaus beendet wurde und nicht „automatisch“ wegen eines Bruchs der Bedingungen. So spricht eine Seite von einem „Einfrieren“ des Deals durch das Verschulden des Westens, die andere von einem freiwilligen Austritt Russlands. Diese beiden Sichtweisen stimmen in der kausalen Bewertung nicht überein, wenn sie auch darin einig sind, dass die Initiative in ihrer geltenden Form nicht funktioniert.

Angriffe auf Häfen und Gefahr für die Aussaat 2027

Die praktischen Folgen des Fehlens der Initiative sind bereits jetzt spürbar. Im Jahr 2026 verursachen die russischen Angriffe auf ukrainische Häfen direkte Schwierigkeiten beim Getreideexport, weshalb Landwirte weniger Mittel für den Kauf von Saatgut, Düngemitteln und Kraftstoff vor der Aussaat 2027 erhalten. Faktisch verkürzt jeder Monat ohne stabilen Schwarzmeerexport die Finanzbasis für die Vorbereitung des nächsten landwirtschaftlichen Zyklus.

Alternative Routen und Einschätzung von Kernel

Alternative Logistikkanäle – Eisenbahn, Straßenverkehr und Donauhäfen – können die Schwarzmeerrouten hinsichtlich Durchsatzkapazität und Kosten nicht vollständig ersetzen. Laut dem Geschäftsführer von Kernel, Jewgeni Ossipow, könnte Ukraine ohne Lösung des Exportproblems etwa 20 % der Flächen nicht bestellen, was nach seinen Berechnungen einem Ausfall von rund 12 Mio. Tonnen Nahrungsmittelgetreide entsprechen würde. Diese Zahl unterstreicht die Dimension der wirtschaftlichen und ernährungspolitischen Risiken, die damit verbunden sind, dass laut dem russischen Außenministerium derzeit keine Voraussetzungen für eine Rückkehr zur Initiative zu sehen sind.