Der Agrarsektor der Ukraine befindet sich laut Einschätzung des Ministers für Agrarpolitik und Ernährung, Taras Wysokyj, in einer schwierigeren wirtschaftlichen Lage als in den ersten Monaten der Invasion im großen Stil. Dies erklärte der Minister am Donnerstag, dem 20. August, bei einem Briefing in Kiew, wie RBC-Ukraine und Interfax-Ukraine berichten. Der Hauptgrund dafür ist, so der Minister, die Blockade der Seehäfen, die der Branche den wichtigsten Exportkanal genommen hat und gleichzeitig mit der Vorbereitungsphase für die Herbstsaat zusammenfällt.
«Es gibt keine Reserven mehr»
Wysokyj verglich die aktuelle Lage der Branche direkt mit März und April 2022 und stellte fest, dass die Situation jetzt «viel schlechter» ist.据 ihm zufolge war 2021 das wohl profitabelste Jahr in der Geschichte des ukrainischen Agrarsektors; zum Zeitpunkt des Kriegsbeginns verfügten die Unternehmen daher über maximale Widerstandskraft. Der Minister bezifferte diese finanzielle Reserve zu Beginn des großangelegten Krieges auf etwa 10 Milliarden Dollar. Heute, so seine Einschätzung, gibt es diese Reserve nicht mehr: Im Zeitraum 2025–2026 arbeiteten Landwirte hauptsächlich mit minimalen Gewinnen oder versuchten faktisch nur zu «überleben», ohne die Möglichkeit zu haben, die notwendigen Rücklagen aufzubauen.
Logistischer Schlag und Herbstsaat
Zu Beginn des Krieges halfen der Branche zwei Faktoren, die jetzt fehlen. Erstens waren die für die Frühlingsaat notwendigen materiellen Ressourcen bereits vor der Invasion eingekauft worden. Zweitens kompensierte der starke Anstieg der internationalen Agrarpreise teilweise die gestiegenen Logistikkosten. Die aktuelle Situation ist grundlegend anders: Die Hafenblockade begann im Juli, mitten in der Vorbereitungsphase für die Herbstsaat, und der Effekt steigender Weltmarktpreise fehlt. Der Minister hob besonders die Probleme mit den Kraftstoffvorräten und deren hohen Kosten hervor, was die Produktionskosten zusätzlich belastet.
Mangel an Personal und steigende Kosten
Ein weiteres strukturelles Problem bleibt der Mangel an Arbeitskräften. Laut Wysokyj haben Agrarunternehmen Schwierigkeiten, ihre eigenen Mitarbeiter zu reservieren (militärisch zu schützen), was unter Kriegsrecht den Zugang zu Arbeitskräften für Feldarbeiten und Logistik einschränkt. Die Kombination dieser Faktoren – fehlende Reserven, teure Kraftstoffe, Personalmangel und geschlossener Seehandel – bildet laut Einschätzung der Regierung ein krisenhaftes Bild im Sektor.
Militärisches Szenario zur Entblockung
Aufgrund dessen, dass die Agrarexporte im August laut vorliegenden Daten um 70% zurückgingen, weil Russland die Häfen im Schwarzen Meer blockiert, erwägt Kiew laut dem Minister eine militärische Option zur Wiederherstellung des Seetransports. Details und Zeitpläne zur Entblockung nannte Wysokyj nicht. Er merkte jedoch an, dass die Branche selbst im Falle der Öffnung der Seeroute etwa einen Monat benötigen würde, um die potenziellen Exportzahlen zu erreichen. Zuvor wurde berichtet, dass der Export von bis zu 9 Millionen Tonnen Getreide und bis zu 2,8 Milliarden Dollar Umsatz gefährdet sind.
Widersprüchliche Daten
Bei der Überprüfung der Materialien wurden geringfügige Diskrepanzen festgestellt, die zu berücksichtigen sind. Erstens ist die Einschätzung der finanziellen Reserve von 10 Milliarden Dollar eine subjektive Schätzung des Ministers und keine von unabhängigen Quellen geprüfte oder bestätigte Zahl. Zweitens haben offizielle Stellen im Zusammenhang mit der «militärischen Option» zur Entblockung der Häfen weder Mechanismen noch Fristen offengelegt, sodass dieser Punkt deklaratorisch bleibt. Drittens wird die Bezeichnung der Häfen in einigen Quellen verzerrt wiedergegeben (einschließlich der Formulierung «Groß-Odessa»), wobei es sich korrekt um die Häfen von Odessa und der Oblast Odessa handelt. Diese Nuancen ändern den allgemeinen Schluss über die Krise nicht, erfordern jedoch eine vorsichtige Interpretation einzelner Zahlen und Formulierungen.