Die ersten Spieltage der neuen Saison der ukrainischen Premjer-Liga haben bereits genügend Anlass für hitzige Debatten um die Schiedsrichterleistung gegeben: Vorwürfe, man habe bestimmten Vereinen geholfen, Vorwürfe anderer, Streit um den VAR und verschiedene Expertenbewertungen. Doch wie Michail Metreweli in seiner Kolumne für Sport RBC.UA anmerkt, sollte man nicht zu schnell den Schluss ziehen, dass das Hauptproblem des ukrainischen Fußballs wieder die groben Fehler der Schiedsrichter seien. Eine professionelle Analyse der resonanzstärksten Episoden des Saisonstarts führt zu einem komplexeren und im Grunde globalen Problem: Der Fußball hat es noch nicht gelernt, in gleichen oder maximal ähnlichen Spielsituationen gleiche Entscheidungen zu garantieren.
Die Episode mit Bilowar: Wenn 55/45 zum Feld für Spekulationen wird
Eine der ersten großen Episoden der Saison ereignete sich im Spiel „Werres“ – „Dynamo“. Bilowars Regelverstoß wurde von vielen als offensichtliches DOGSO (Denial of an Obvious Goal-Scoring Opportunity) wahrgenommen, und man forderte die Entfernung des Verteidigers des Kiewer Klubs. Der Schiedsrichter zeigte die gelbe Karte, und sofort kamen Gerüchte über „Hilfe“ für „Dynamo“ auf. Laut RefScore wurde die Episode jedoch mit 55 % für die gelbe Karte und 45 % für die rote bewertet. Die Entscheidung des Schiedsrichters wurde also als gerechtfertigt anerkannt, auch wenn die Episode selbst als schwierig und knapp eingestuft wurde. Die Position für die gelbe Karte unterstützte auch der Kurator des ukrainischen Schiedsrichters, Nicola Rizzoli. Genau hier, so Metreweli, stellt sich die viel wichtigere Frage: Was passiert, wenn in einigen Spieltagen eine praktisch identische Episode mit einem Spieler von „Schachtjor“, „Polesse“ oder „Krywbass“ vorkommt – und der Schiedsrichter die rote Karte zeigt? Der Verein würde logischerweise fragen: Warum wurde einer nicht entfernt, der andere aber schon? Und darauf zu antworten ist deutlich schwieriger als auf die Frage nach einem konkreten Fehler.
Internationale Praxis: dieselben Regeln – verschiedene Entscheidungen
Das Problem der Inkonsistenz beschränkt sich nicht auf den ukrainischen Fußball. Im Spiel der englischen Premier League „Liverpool“ – „Chelsea“ verfehlte Tosin Adarabioyo Diogo Jota weit entfernt vom Tor. Der Schiedsrichter zeigte die gelbe Karte, die Entscheidung wurde nach VAR-Prüfung nicht geändert und erhielt anschließend in England Unterstützung. In der tschechischen Meisterschaft wurde eine Episode mit potenziellem DOGSO, die etwa 60 Meter vom Tor – faktisch noch auf der Hälfte des verteidigenden Teams – stattfand, zunächst mit einer gelben Karte bewertet, nach VAR-Eingriff aber in eine rote umgewandelt. Dieselben Spielregeln, dasselbe DOGSO-Kriterium – und doch verschiedene Entscheidungen. Metreweli betont: Das ist bereits kein Problem eines konkreten ukrainischen Schiedsrichters mehr, sondern ein Problem des modernen Fußballs insgesamt.
„Schachtjors“ Elfmeter und zwei Ebenen des Problems
Ein weiterer показательный Episode der Saison ereignete sich im Strafraum von „Schachtjor“: Egor Nasarina griff den Gegner bei der Balleroberung aggressiv an. Ein Elfmeter wurde nicht gegeben, der VAR griff nicht ein. RefScore bewertete die Episode mit 55 % für einen Elfmeter, und auch Nicola Rizzoli ist der Ansicht, dass in dieser Situation ein Elfmeter gegeben werden muss. In der Frage des Regelverstoßes selbst stimmen die Positionen also überein. Bei der Rolle des VAR aber entsteht ein grundlegendes Auseinandergehen, das die zweite Ebene des Problems aufdeckt.
Widersprüchliche Daten
Bei der Episode mit Nasarina gehen die Positionen von RefScore und Nicola Rizzoli in der Frage des VAR-Eingriffs auseinander. Rizzoli ist der Meinung, dass der VAR hätte eingreifen und die Entscheidung ändern müssen. RefScore weist demgegenüber darauf hin, dass das Verhältnis 55/45 eine sehr feine Interpretationsgrenze bedeutet, und stellt die Frage, ob die ursprüngliche Entscheidung „offensichtlich falsch“ (clearly wrong) genug war, um einen verpflichtenden VAR-Eingriff zu erfordern. Beide Positionen stützen sich auf dieselbe Episode und dieselben Regeln, kommen aber zu entgegengesetzten Schlüssen über die Zulässigkeit eines Eingriffs. Das zeigt eindrucksvoll, dass im Fußball derzeit kein einheitlicher Standard existiert – weder für die Bewertung der Episode selbst noch für die Festlegung der Schwelle, ab der der VAR verpflichtet ist, nicht nur darf, einzugreifen.
Fehler und Inkonsistenz: Worin liegt der Unterschied
Metreweli betont: Schiedsrichter haben vor hundert Jahren Fehler gemacht, machen sie heute und werden sie in hundert Jahren machen. Den menschlichen Faktor vollständig aus dem Fußball zu nehmen, ist unmöglich – und, so die Meinung des Autors, auch nicht nötig. Aber zwischen einem Fehler und fehlender Konsistenz liegt ein gewaltiger Unterschied. Ein Fußballspieler muss verstehen, für welche konkrete Handlung er vom Platz gestellt wird. Ein Trainer muss verstehen, welcher Kontakt im Strafraum als Elfmeter gewertet wird. Ein Verein muss sicher sein, dass dieselben Kriterien für „Dynamo“, „Schachtjor“, „Polesse“, „Werres“ oder jede andere Mannschaft angewendet werden. Genau dieses Fehlen der Sicherheit, nicht die Einzelfehler, erzeugt die größte Anzahl an Schiedsrichter-Skandalen.
VAR – eine Revolution, die nicht abgeschlossen ist
Die Einführung des VAR war eine echte Revolution im Schiedsgericht. Früher sah der Schiedsrichter eine Episode nur einmal, aus einer Perspektive und im Bruchteil einer Sekunde. Heute kann man sie aus fünf, zehn oder fünfzehn Kameras ansehen, den Bildstopp nutzen, das Bild vergrößern und die Wiederholung in unterschiedlicher Geschwindigkeit abspielen. Wir sehen viel besser, was passiert ist. Doch, so schließt Metreweli, bleibt eine andere, bislang ungelöste Frage: Womit vergleichen wir das Gesehene? Ohne eine einheitliche Datenbank standardisierter Entscheidungen zu ähnlichen Episoden kann selbst die perfekte Videotechnologie keine Konsistenz garantieren. Die nächste Revolution im Schiedsgericht sollte nicht eine neue Kamera oder ein neuer Algorithmus sein, sondern der Aufbau eines einheitlichen Bewertungssystems, in dem gleiche Situationen gleiche Entscheidungen erhalten – unabhängig davon, in welcher Meisterschaft und auf welchem Stadion sie stattfanden.