Unter den Bedingungen eines anhaltenden Konflikts und verschärften Sanktionsdrucks bleibt die Frage, wie Russland seine Rüstungsindustrie versorgt, eine der wichtigsten. Der vom ukrainischen Präsidenten ernannte Beauftragte für Sanktionspolitik, Wladyslaw Wlasjuk, kommentierte die Ergebnisse einer neuen Studie zur Modernisierung der russischen Bewaffnung. In einem Interview mit der Zeitung „Militarny“ präsentierte er Daten, die das Verständnis der Schlagkraft des Gegners grundlegend verändern.

Von alten Beständen zur neuen Produktion

Lange Zeit herrschte die Meinung vor, dass Russland hauptsächlich seine vor dem Krieg angelegten Waffenbestände aufbraucht. Die Analyse von Fragmenten der neuesten ballistischen Mittelstreckenrakete „Oreshnik“ (auch bekannt als „Kedr“) widerlegt jedoch diese Theorie. Laut den Untersuchungsergebnissen stammen mehr als die Hälfte der Komponenten der Rakete aus den Jahren 2023–2024. Darüber hinaus wurden in der Konstruktion Teile mit der Kennzeichnung 2025 entdeckt.

„Dies zeigt, dass Russland keine alten Bestände verwendet, sondern weiterhin Raketen auf Basis einer neuen Plattform elektronischer Komponenten produziert“, betonte Wladyslaw Wlasjuk. Experten kommen zu dem Schluss, dass die russische Industrie trotz externer Beschränkungen zur aktiven Produktion von Hochtechnologiekomponenten übergegangen ist.

Russisch-belarussisches Tandem bei der Waffenentwicklung

Die Forscher widmeten besonderes Augenmerk der Herkunft der Komponenten. Berichten zufolge wurden alle identifizierten Komponenten der Rakete „Oreshnik“ ausschließlich von russischen und belarussischen Unternehmen hergestellt. Dies bestätigt die enge Integration der Rüstungskomplexe beider Länder und die Fähigkeit, einen geschlossenen Produktionszyklus ohne kritische Abhängigkeit von westlichen Lieferungen zu schaffen.

Ukrainische Experten und Wissenschaftler der Unabhängigen Kommission zur Bekämpfung von Korruption (NAKO) führten umfangreiche Arbeiten zur Aufdeckung der Produktionskette durch. Im Rahmen der Studie wurden etwa 470 elektronische Komponenten untersucht, die von 25 Unternehmen in Russland und Belarus hergestellt werden. Im Dokument werden auch vier weitere Hersteller erwähnt, deren Beteiligung am Projekt jedoch bisher nicht endgültig bestätigt wurde.

Vergleichende Analyse: „Oreshnik“ gegenüber alten Systemen

Die Verwendung neuer elektronischer Ausrüstung ermöglichte es, die Rakete „Oreshnik“ deutlich von den Geschossen zu unterscheiden, die bei früheren Luftangriffen eingesetzt wurden. Zum Vergleich stellten ukrainische Experten, die Fragmente einer Rakete untersuchten, die Russland in der Nacht zum 8. Januar 2026 für einen Angriff auf die Oblast Lwiw verwendete, fest, dass alle Leiterplatten und Mikrochips im Flugsteuerungsprozessor zwischen 2014 und 2016 hergestellt wurden.

Ein ähnliches Bild ergab sich bei der Analyse von Fragmenten einer Rakete, die im November 2024 gegen Dnipro eingesetzt wurde. Die Kennzeichnung an jedem Teil weist darauf hin, dass sie Anfang 2018 hergestellt wurden und wahrscheinlich ursprünglich für andere Projekte bestimmt waren. Dies bestätigt, dass Russland in früheren Perioden tatsächlich umgewidmete alte Systeme einsetzte.

Chronologie des Einsatzes und technische Störungen

Wichtig ist der Kontext des Einsatzes der neuen Technik. Während eines intensiven Angriffs in der Nacht zum 24. Mai setzte Russland nicht eine, sondern zwei ballistische Mittelstreckenraketen „Oreshnik“ ein. Der erste Start war jedoch erfolglos, und die Rakete stürzte wahrscheinlich in den Vororten von Donezk ab. Trotz dieses Vorfalls ermöglichte der erfolgreiche Einsatz der zweiten Rakete und die anschließende Analyse ihrer Trümmerteile den Experten, wertvolle Daten über den aktuellen Entwicklungsstand der russischen Raketenindustrie zu erhalten.