Bei einem Briefing im Büro des Präsidenten der Ukraine stellte der Sonderbeauftragte des Präsidenten für Sanktionspolitik, Wladyslaw Wlasjuk, die Ergebnisse der Analyse von Komponenten russischer ballistischer Waffensysteme vor – vor allem des Raketenkomplexes „Iskander“ und der ballistischen Rakete RM-48U. Seinen Worten zufolge konnte Russland selbst unter jahrelangen Beschränkungen den vollständigen Produktionszyklus nicht schließen und setzt weiterhin auf ausländische Elektronik, Materialien und Präzisionsausrüstung. Eine Schlüsselrichtung der Arbeit Kiews sei, so Wlasjuk, die maximale Synchronisierung der Sanktionsmaßnahmen gegen russische Hersteller ballistischer Waffensysteme in verschiedenen Jurisdiktionen: „Einer der ersten Punkte unseres Plans ist die maximale Synchronisierung“.
Navigation „Komet“ und französische Laser-Gyroskope
Als einen der kritisch wichtigen, vom ausländischen Produktionsstandort abhängigen Knotenpunkte nannte Wlasjuk das Navigationsmodul „Komet“, das eine störsichere Navigation gewährleistet und zur präzisen Kurskorrektur ballistischer Raketen auf das Ziel verwendet wird. Ein Teil der autonomen Trägheitsnavigationssysteme mit Laser-Gyroskopen stützte sich historisch auf französische Komponenten. Nach Einschätzung der Experten, die an der Aufschlüsselung der „Innereien“ russischer Raketen arbeiten, kommt gerade der französische Bestandteil in der ballistischen Rakete RM-48U zum Einsatz, während ein Laser-Gyroskop desselben Ursprungs auch im Raketenkomplex „Iskander“ verwendet wird.
Treibstoff, Gehäuse und Abhängigkeit vom Materialimport
Ein besonderes Augenmerk der Präsentation galt den Bestandteilen des Raketenkraftstoffs, der Gehäuse und der Lenkköpfe. Laut Wlasjuk verfügt Russland nicht über ausreichende eigene Produktionskapazitäten und ist auf den Import kritisch wichtiger Materialien angewiesen – darunter Wolfram, Polybutadien und Aramidfasern. Zu all diesen Punkten sei, wie im Büro des Präsidenten betont wird, bereits vollständige Information an die Partner übermittelt worden, und Kiew erwarte entsprechende Sanktionsentscheidungen. Unter den Betrieben, die an der Herstellung von Komponenten für den Raketenkraftstoff beteiligt sind, wurde der „Kombinat Kamenski“ genannt, der laut Wlasjuk Verdickungsmittel für die Polymerisation von Raketenkraftstoff herstellt. Dieses Unternehmen des russischen Rüstungskomplexes produziert festen Raketenkraftstoff für die Munition der Mehrfachraketenwerfer „Uragan“, „Smerch“ und „Tornado-S“ sowie für raketen- und luftgestützte Waffensysteme; der Kombinat wurde in der Nacht vom 16. August getroffen.
CNC-Maschinen und Umgehung der Beschränkungen über Drittländer
Auch die Maschinenbauindustrie blieb beim Briefing nicht unerwähnt: Die Herstellung ballistischer Waffensysteme hänge, so Wlasjuk, von präzisen Metallbearbeitungsmaschinen mit numerischer Steuerungsprogrammierung (CNC) ab. deren Komponenten – CNC-Steuerungsmodule, Servoantriebs- und Messsysteme, Präzisionslagerungen, Systeme zur Überwachung der Bearbeitung und Auswuchtung – werden von Herstellern aus den USA, Großbritannien, Spanien, Deutschland, Japan, Schweden und Italien geliefert. Besonderheit solcher Maschinen sei, so Wlasjuk, dass ihre Komponenten über Drittländer geliefert werden können, was die Nachverfolgung erheblich erschwere: „Die Maschinen werden oft mit vielen Komponenten geliefert, die über Drittländer zusammengebaut oder als Bauteile geliefert werden. Deshalb sind sie schwer zu verfolgen“.
Liste ausländischer Unternehmen in den Raketen
Bei der Präsentation wurde eine Liste ausländischer Unternehmen gezeigt, deren Produkte in russischen ballistischen Waffensystemen gefunden werden. Spitzenreiter bei der Anzahl der Komponenten waren die USA – aufgrund der hohen Anforderungen der ballistischen Waffensysteme an Qualität und Eigenschaften der Elektronik. Zu den amerikanischen Herstellern zählten Advanced Micro Devices, Analog Devices, ATMEL, Bourns, Burr-Brown, Coilcraft, Cortina Systems, Cypress, Diodes Incorporated, MaxLinear, Microchip Technology, Micron Technology, ON Semiconductor, Qorvo, Skyworks, Xilinx, Fairchild Semiconductor, FOX Electronics, Hittite, Holt Integrated Circuits, Integrated Silicon Solution, Intel Altera, Kemet, Linear Technology, Maxim Integrated und andere. Komponenten stammen zudem aus Taiwan (TSMC, Winbond, Macronix International, DM&P Electronics, SYNTEC Technology), Japan (Murata Manufacturing, Kyocera AVX Components, Panasonic Semiconductor, Elna Co., LTD, Renesas), der Schweiz (STMicroelectronics, u-blox, TRACO POWER), Frankreich (3SP Technologies), Großbritannien (Renishaw) und China (Simchip, Elitestek). Wlasjuk betonte, dass die Frage der ausländischen Komponenten nicht nur die Raketen selbst, sondern den gesamten Produktionszyklus betreffe: „Die Ukraine hat allen Partnern auch Informationen über Materialien wie chemische und andere Substanzen sowie über Produktionsmittel übermittelt“.
Widersprüchliche Daten
Eine erhebliche Diskrepanz entsteht beim Vergleich der Befunde zu verschiedenen Systemen. Während für „Iskander“ und RM-48U französische und zahlreiche amerikanische Komponenten festgehalten werden (nach einzelnen Schätzungen – mehr als 30 US-Produkte in einem Komplex), wurden laut den Daten, die nach der Untersuchung der Rakete „Oreschnik“ zitiert werden, darin vorwiegend russische und belarussische Komponenten gefunden. Somit variiert der Grad der ausländischen Abhängigkeit je nach konkretem System: Für „Iskander“ und RM-48U wird er durch die Aufschlüsselung der „Innereien“ bestätigt, während das Bild bei „Oreschnik“ anders aussieht. Darüber hinaus stützt sich die gesamte Faktenlage zu den Komponenten auf die ukrainische Analyse zerlegter und getroffener Erzeugnisse sowie auf Aussagen des Büros des Präsidenten, nicht aber auf eine unabhängige internationale Expertise – was bei der Bewertung der Vollständigkeit des Bildes zu berücksichtigen ist.