Der 19. August 2026 markierte einen Wendepunkt in der ukrainischen Anti-Korruptions-Agenda. Das Nationale Anti-Korruptionsbüro (NAZU) und die Spezialisierte Anti-Korruptionsstaatsanwaltschaft (SAO) gaben öffentlich das Ende einer großangelegten Spezialoperation mit dem Codenamen „Forrest Gump' bekannt. Im Rahmen der Ermittlungen deckten die Strafverfolgungsbehörden die Aktivitäten einer kriminellen Gruppe auf, zu der amtierende und ehemalige Volksabgeordnete sowie hochrangige Beamte des Präsidialamts (OP) gehörten. Das Hauptziel dieser Gruppe bestand laut Akten darin, in Personalentscheidungen in den Anti-Korruptionsbehörden einzugreifen und die Wiederwahl von Alexander Klimenko als Leiter der SAO zu vereiteln.
Aufnahmen des Präsidialamts: Stimmen „verteilen' und Klimenko entfernen
Im Mittelpunkt der Ermittlungen standen abgehörte Gespräche der stellvertretenden Leiterin des Präsidialamts, Irina Mudraja. In den Unterlagen der Operation „Forrest Gump' wurde eine Diskussion vom 9. Juni 2026 dokumentiert, in der die Beamtin Manipulationen bei der Wahl der Mitglieder des öffentlichen Aufsichtsrats des NAZU plante. Mudraja erkundigte sich im Gespräch, wie man Stimmen für ihre Unterstützer sammeln könnte, indem sie Namen von Bekannten nutzte, und schlug offen einen Mechanismus der Bestechung vor.
„Das heißt, wem soll man das verteilen, damit sie abstimmen... Kannst du das verteilen, damit deine diese...', schlug Mudraja dem Gesprächspartner vor und forderte faktisch Bestechungsgelder, um den gewünschten Rat zusammenzustellen. Später äußerte sie Empörung über das Fehlen einer Alternative zu Alexander Klimenko, nannte ihn „prinzipienlos' und behauptete, er sei „nicht einer von uns'. Mudraja beschwerte sich bei einer hochrangigen Funktionärin des Präsidialamts darüber, dass die Behörde „auf dieselben Ähren zurückträte', da sie keinen Nachfolger für den amtierenden SAO-Chef vorbereite, der ihrer Meinung nach „sich im Schlaf als wiedergewählt sehe'.
Schlag der Strafverfolgungsbehörden und Beschuldigte
Angesichts der offiziellen Erklärungen von NAZU und SAO zur Aufdeckung einer kriminellen Organisation entbrannten im Informationsraum Nachrichten über konkrete Beschuldigte. Der Volksabgeordnete Alexei Gontscharenko berichtete von Durchsuchungen in der Residenz der stellvertretenden Leiterin des Präsidialamts, Irina Mudraja. RBC-Ukraine präzisierte unter Berufung auf Quellen, dass der Volksabgeordnete Wadym Stolar und der ehemalige Abgeordnete Maksym Mykytas in den Ermittlungskreis einbezogen sein könnten. Die Strafverfolgungsbehörden bestätigen jedoch derzeit offiziell nicht die Beteiligung der genannten Personen an dem Fall und beschränken sich auf allgemeine Formulierungen über eine von Abgeordneten geführte Gruppe.
Widersprüchliche Daten
Es gibt Diskrepanzen zwischen den offiziellen Erklärungen der Strafverfolgungsbehörden und den in den Medien und von Politikern auftauchenden Informationen. Einerseits bestätigten NAZU und SAO die Existenz einer kriminellen Gruppe mit Beteiligung von Beamten des Präsidialamts und Abgeordneten sowie die Details von Bestechungsversuchen. Andererseits bleiben konkrete Namen (Stolar, Mykytas) und die Tatsache der Durchsuchungen bei Mudraja auf dem Niveau von Aussagen einzelner Abgeordneter und Medienquellen, die nicht durch offizielle Pressemitteilungen der Generalstaatsanwaltschaft oder des NAZU untermauert sind. Dies schafft ein Informationsvakuum, in dem die tatsächliche Beteiligung konkreter Personen an der Operation „Forrest Gump' unterschiedlich interpretiert werden kann, bis die offiziellen Anklageschriften veröffentlicht werden.
Politischer Kontext und Folgen
Die Ereignisse des 19. August 2026 markierten den Höhepunkt eines langwierigen Konflikts zwischen dem Anti-Korruptions-Block und einem Teil der administrativen Ressourcen des Präsidialamts. Der Versuch, die Wiederwahl von Alexander Klimenko zu vereiteln, den Mudraja als „prinzipienlos' bezeichnete, deutet auf einen Versuch hin, die Kontrolle über NAZU und SAO zurückzugewinnen. Die Aufdeckung der Operation „Forrest Gump' zeigt die Bereitschaft der Strafverfolgungsbehörden, mit abgehörten Gesprächen zu arbeiten und Korruptionsschemata innerhalb der höchsten Machtsphären aufzudecken, was zu einer umfassenden Personalreinigung im Präsidialamt und im Parlament führen könnte.