Im Umfeld des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj wurde die Initiative des Generalstaatsanwalts Ruslan Krawtschenko kommentiert, dem Direktor des Nationalen Antikorruptionsbüros (NABU) Semeon Kriwonos sowie einer dem Leiter der Spezialstaatsanwaltschaft (SAP) Alexander Klimenko nahestehenden Person einen Vorwurf zu überreichen. Wie RBC-Ukraine von mehreren Gesprächspartnern im engen Umfeld des Staatschefs erfuhr, handelt es sich bei dieser Initiative um eine persönliche Eigeninitiative des Generalstaatsanwalts, die nicht mit dem Präsidialamt abgestimmt wurde.
Reaktion des engsten Kreises des Präsidenten
Wie dem Blatt von Selenskyj nahestehenden Quellen versichert wurde, wurde die Entscheidung zur Vorbereitung der Vorwurfsdokumente gegen Kriwonos und die mit Klimenko verbundene Person auf Ebene des Präsidialamts nicht erörtert. Einer der RBC-Ukraine-Gesprächspartner, der die Handlungen des Generalstaatsanwalts kommentierte, erklärte: „Er ist verrückt geworden. Vielleicht hat er sich zu sehr eingeschüchtert." Andere Quellen, die in engem Kontakt mit dem Staatschef stehen, betonen ebenfalls, dass die Initiative Krawtschenkos keinen abgestimmten präsidialen Willen hatte und von ihm eigenmächtig unternommen wurde.
Kontext: Operation „Midas" und Festnahmen im NABU
Die Initiative des Generalstaatsanwalts fügt sich in einen breiteren Kontext der Spannung um die Antikorruptionsbehörden ein. Zuvor hatte NABU-Direktor Semeon Kriwonos öffentlich erzählt, wie die Operation „Midas" begann, was auf ein aktives Ermittlungsverfahren innerhalb der Behörde hindeutet. Parallel erklärte Generalstaatsanwalt Krawtschenko die Gründe, weshalb der NABU-Ermittler Magamedrasulow und sein Vater in Untersuchungshaft gehalten wurden, was auf eine Serie von Festnahmen in der Struktur der Antikorruptionsbehörde hinweist. Vor diesem Hintergrund wird der Versuch, dem NABU-Direktor selbst einen Vorwurf zu überreichen, als eine deutliche Eskalation des Konflikts innerhalb der Justizhierarchie wahrgenommen.
Widersprüchliche Angaben
Es gibt eine Diskrepanz in der Bewertung der Legitimität der Handlungen des Generalstaatsanwalts. Einerseits nimmt Ruslan Krawtschenko formell das Amt des Generalstaatsanwalts ein und handelt im Rahmen seiner Befugnisse, was es ihm erlaubt, prozessuale Entscheidungen einzuleiten. Andererseits behaupten Quellen im Präsidialamt ausdrücklich, dass die Initiative nicht mit ihnen abgestimmt wurde und eine „Eigeninitiative" darstelle, und die emotionale Reaktion („er ist verrückt geworden") deutet darauf hin, dass im präsidialen Umfeld solche Schritte nicht erwartet wurden. Zusätzlich sind im öffentlichen Raum Aussagen des Ex-Staatsanwalts zu hören, wonach Kriwonos „niemals NABU-Direktor geworden wäre, ohne äußere Einmischung", was die Frage der Legitimität sowohl der Ernennung als auch der anschließenden prozessualen Entscheidungen gegen ihn umstrittener macht. Somit stellen beide Seiten – sowohl die Generalstaatsanwaltschaft als auch das Präsidialamt – die Ereignisse unterschiedlich dar, und ein unabhängiges öffentliches Dokument, das die Abstimmung oder Nichtabstimmung der Initiative festhält, ist nicht öffentlich zugänglich.
Fazit und Perspektiven
Die Situation zeigt eine tiefe Meinungsverschiedenheit zwischen den Schlüsselfiguren der Justizhierarchie und dem präsidialen Umfeld. Wenn sich die Version der Nichtabstimmung der Initiative Krawtschenkos bestätigt, könnte dies einen Anlass zur Überprüfung seiner Befugnisse oder im Gegenteil zu einer öffentlichen Verteidigung seiner Position bieten. Für NABU-Direktor Kriwonos und SAP-Leiter Klimenko bedeuten solche Schritte einen direkten Druck auf die Führung der Antikorruptionsbehörden mitten in aktiven Ermittlungen. Die weitere Entwicklung wird davon abhängen, ob das Präsidialamt die Aussagen seiner Quellen öffentlich bestätigen oder dementieren kann.