Das Nationale Antikorruptionsbüro der Ukraine (NABU) und die Spezialisierte Antikorruptionsstaatsanwaltschaft (SAP) haben öffentlich auf die Aussagen der Generalstaatsanwältin Iryna Krawtschenko reagiert und die sich entwickelnde Situation als Fortsetzung des systematischen Drucks auf die unabhängigen Antikorruptionsbehörden bezeichnet. Die Behörde betonte, dass der aktuelle Fall Teil einer längeren Kampagne sei, deren aktive Phase nach Einschätzung des NABU bereits im vergangenen Sommer begann. Damals, so das Büro, war eines der Hauptziele der Gegner der Versuch, NABU und SAP in die direkte Unterstellung des Büros der Generalstaatsanwältin zu überführen, was nach ihrer Auffassung die institutionelle Unabhängigkeit des Antikorruptionssystems untergraben hätte.
Dementierung des Verdachts gegen Krywonos und der Entnahme von Ermittlungsverfahren
Separat dementierte das NABU Informationen über prozessuale Maßnahmen gegen den Direktor der Behörde, Semen Krywonos: Bis zum Zeitpunkt der Erklärung wurde ihm offiziell kein Verdacht überreicht. Außerdem erklärte das Büro, dass es die in den Aussagen der Generalstaatsanwältin genannten Strafverfahren nicht entnommen habe, und betonte, dass Angaben über eine solche Entnahme der Realität nicht entsprächen. Die Behörde fügte hinzu, dass ihre Arbeit nichts mit politischen Kämpfen zu tun habe, und dass die Aussagen von Krawtschenko, die kürzlich ihren Rücktritt eingereicht hat, derzeit einen öffentlichen und keinen prozessualen Charakter haben. Separat hob das NABU hervor, dass es nie besondere Garantien für seine Mitarbeiter oder andere Personen gefordert habe, und schloss die Erklärung mit der Formulierung „ausführlichere Informationen – in Kürze“.
Chronologie des Falls „Karthago“
Den Hintergrund des Konflikts bildete die Spezialoperation „Karthago“, über die NABU und SAP am 4. September berichteten: Laut Ermittlungen hatte im Büro der Generalstaatsanwältin eine kriminelle Organisation gewirkt, die gegen Bestechungsgelder den reibungslosen Betrieb eines Netzwerks betrügerischer Callcenter ermöglichte und Vermögen legalisierte, das mit unrechtmäßig erlangten Mitteln erworben worden war. Am 6. September erklärte Krawtschenko öffentlich, dass sie mit der Tätigkeit der Gruppierung nichts zu tun gehabt habe, und ordnete an, den beschuldigten Mitarbeiter des Büros abzuberufen und eine Überprüfung der zuständigen Abteilung durchzuführen. Am 8. September führte Wolodymyr Selenskyj ein Treffen mit der Generalstaatsanwältin sowie den Leitern des NABU und der SAP; im Anschluss reichte Krawtschenko ein Kündigungsgesuch ein, und das entsprechende Vorlage wurde an die Werchowna Rada (das Parlament) übermittelt.
Widersprüchliche Angaben
Hier weichen die Darstellungen der beiden Seiten erheblich voneinander ab. Auf der einen Seite verneint das NABU kategorisch, dass Semen Krywonos ein Verdacht überreicht worden sei, und erklärt, dass keine Strafverfahren entnommen wurden. Auf der anderen Seite berichten mehrere Quellen (insbesondere das Medium theotherukraine.info), dass die Generalstaatsanwältin den Verdacht gegen den NABU-Direktor Krywonos unterzeichnet habe, was der Position des Büros direkt widerspricht. Außerdem geben Quellen, die sich auf die „Ukrainska Prawda“ berufen, an, dass Krawtschenko die Ukraine verlassen und mit einem Dienstwagen ins Ausland gefahren sei, während Präsident Selenskyj öffentlich erklärte, dass Krawtschenko entlassen werden müsse. Somit ist das faktische Bild – hinsichtlich der Überreichung des Verdachts, der Entnahme von Akten und des tatsächlichen Status der Generalstaatsanwältin – derzeit nicht eindeutig und bedarf einer zusätzlichen Verifizierung.
Personelle Umstrukturierungen in der Staatsanwaltschaft
Im Zusammenhang mit der Ermittlung des Falls „Karthago“ wurden am 9. September drei weitere personelle Entscheidungen in der Staatsanwaltschaft bekannt: Von der Position der Ersten Stellvertreterin der Generalstaatsanwältin schied Marija Wdowytschenko aus, und Wiktorija Didytsch sowie Maksym Schtompel wurden aus der Oblaststaatsanwaltschaft Tscherkassy entlassen. Diese Umstrukturierungen verstärkten zusammen mit dem Rücktritt von Krawtschenko den öffentlichen Konflikt zwischen den Antikorruptionsbehörden und dem Büro der Generalstaatsanwältin und machten ihn zu einem der zentralen politischen Themen der Woche.