Das Pentagon hat mit der Vorbereitung eines umfassenden Überprüfungsprozesses der amerikanischen Militärpräsenz in Europa begonnen. Laut einer Veröffentlichung von Reuters arbeitet das US-Verteidigungsministerium an mindestens vier detailliert ausgearbeiteten Szenarien für die zukünftige Dislozierung des Kontingents, das rund 80.000 Soldaten umfasst. Der abschließende Analysebericht soll bis zum 6. November 2026 fertiggestellt werden. Wichtig ist zu betonen: Es handelt sich derzeit um eine strategische Modellierung für die politische Führung und nicht um eine bereits getroffene Entscheidung über einen Truppenabzug.
Vier Szenarien: vom Erhalt des Status quo bis zum Fokuswechsel nach Asien
Laut Reuters werden in der Aufgabenstellung des Pentagons vier Grundmodelle betrachtet. Das erste sieht den Erhalt der aktuellen Stärke und Struktur der Stationierung am östlichen Flügel der NATO vor. Das zweite – eine teilweise Reduzierung der schweren Landbrigaden mit deren Ersatz durch rotierende Einheiten. Das dritte – die Verlegung eines Teils der Kräfte näher an die östlichen Grenzen (Polen, baltische Staaten, Rumänien) durch den Abbau von Basen in Westeuropa, insbesondere in Deutschland und Italien. Die vierte, umfangreichste Variante sieht eine Umverteilung der Ressourcen in den indo-pazifischen Raum im Rahmen der Strategie zur Eindämmung Chinas vor – eine Linie, die von einer Reihe von Strategen und ehemaligen Beamten des Verteidigungsbereichs aktiv befürwortet wird, darunter Vizeverteidigungsminister Elbridge Colby.
Reaktion der Verbündeten und die Rolle von Elbridge Colby
Die europäischen Verbündeten betrachten die Überprüfung mit Skepsis. Laut Agenturangaben äußern einige Vertreter von NATO-Staaten in privaten Gesprächen die Befürchtung, dass die Entscheidung über die Reduzierung des amerikanischen Kontingents faktisch bereits gefallen ist. Der US-Vizeverteidigungsminister für Politik, Elbridge Colby, soll die vorbereiteten Szenarien mit den Botschaftern der NATO-Staaten in Brüssel besprechen. Im Pentagon wird erklärt, dass Washington zu einer begrenzteren Unterstützung Europas übergehen wolle und von den Verbündeten eine größere Rolle bei der Sicherung der eigenen Sicherheit erwarte; dabei wird insbesondere die Unzufriedenheit von Präsident Donald Trump über das Verhalten einiger Verbündeter in den letzten Monaten erwähnt.
Widersprüchliche Angaben
In den Aussagen der beteiligten Seiten gibt es deutliche Abweichungen. Einerseits betont ein hochrangiger Vertreter des Pentagons unter der Bedingung der Anonymität, dass das ведомство lediglich die Vor- und Nachteile verschiedener Varianten der Truppenstärke und -verteilung bewerte und eine endgültige Entscheidung noch nicht getroffen sei. Andererseits behaupten europäische Diplomaten im Hintergrund, dass der Abbau faktisch bereits beschlossen sei. Außerdem wird in den ursprünglichen Materialien die Zahl „rund 80.000' Soldaten genannt, während das Kontingent in der fachlichen Analyse auf 80.000 bis 100.000 geschätzt wird. Diese Unstimmigkeiten erfordern eine vorsichtige Darstellung: Bis zum Abschluss der Überprüfung und der Besprechung der Szenarien im Pentagon ist keine der Varianten eine geltende Entscheidung.
Was weiter: Zeitrahmen, Fragebogen und Infrastruktur
In der Aufgabenstellung des Pentagons werden gesondert die Rechte der USA auf Zugang zum Gebiet der Verbündeten, die Stationierung militärischer Objekte und die Überfliegung von NATO-Staaten sowie der Weltraum- und Cyberraum, die Aufklärungsmöglichkeiten und die Infrastruktur für den globalen Einsatz von Kräften berücksichtigt. Washington beabsichtigt zu bewerten, ob die Verbündeten in der Lage sind, ihre Verpflichtungen hinsichtlich der NATO-Ausgaben zu erfüllen und den im „NATO-Truppenmodell' bezeichneten Kräftemangel auszugleichen. Zuvor hatten die USA den Staaten des Bündnisses einen speziellen Fragebogen zu Verteidigungsausgaben, Beschaffungen, Strategie und Zugangsbeschränkungen übermittelt; die Antworten der Verbündeten sind bis Freitag zu liefern. Alle vorbereiteten Varianten sollen bis zum 18. September 2026 im Pentagon unter Beteiligung des Befehlshabers der US-Streitkräfte in Europa besprochen werden. Es wird angemerkt, dass die europäischen NATO-Staaten bereits einen erheblichen Teil der militärischen Fähigkeiten kompensiert haben, die die USA zuvor aus ihren Plänen für einen Konflikt in Europa entfernt hatten.
US-Soldaten der Armee in Europa / Illustrative Aufnahme