Der Kommandeur der Nationalgarde der Ukraine, Alexander Pivnjenko, erklärte in einem Interview mit LB, dass die russischen Besatzer aus der Nordrichtung nicht bis Kiew vordringen können, selbst wenn es ihnen gelingen sollte, sich bis zu 20 Kilometer tief in die Grenzregion vorzudrängen. Nach seinen Worten würde ein mögliches Vordringen des Feindes um 10–20 Kilometer ausschließlich einen taktischen Zweck haben – die Bindung ukrainischer Kräfte, analog zur zuvor in der Oblast Charkiw entstandenen Lage. „Ach was, sie werden es nicht schaffen (bis Kiew, – Anm. d. Red.). Wenn sie dort 10–15–20 Kilometer in die Tiefe vordringen, dann ist das das Maximum, was möglich ist. Und einfach uns festhalten wie in Charkiw', betonte Pivnjenko.
Das „Charkiw-Szenario' und die Grenzen des Vordringens
Die Bewertung des Kommandeurs der Nationalgarde beschreibt im Wesentlichen ein Szenario, in dem die russischen Truppen nicht in der Lage sind, in der Nordrichtung einen tiefen operativen Durchbruch zu erzwingen. Die Tiefe von 10–20 Kilometern sei nach seinen Worten die obere Grenze eines möglichen Vordringens, und selbst in diesem Fall beschränke sich das Ziel des Gegners darauf, das eroberte Gebiet zu halten, um ukrainische Reserven zu binden. Dieser Ansatz, so Pivnjenko, sei bereits in der Oblast Charkiw demonstriert worden, wo die russischen Kräfte nach dem anfänglichen Durchbruch das Vorgehen nicht ausbauen konnten und in die Verteidigung auf den eingenommenen Stellungen übergingen.
Gefahr durch die Drohnen „Molnija' in Richtung Tschernihiw
Gesondert kommentierte Pivnjenko das Risiko eines Einsatzes von Aufklärungs- und Schlagdrohnen vom Typ „Molnija' durch die Besatzer bei einem möglichen Vordringen in Richtung Tschernihiw. „Die fliegenden Molnija' belästigen uns an der Front sehr ernsthaft. Sie können damit fliegen, zum Beispiel, wenn sie 20–30 Kilometer in die Tiefe in Richtung Tschernihiw vordringen', so der Kommandeur. Selbst ein begrenztes Vordringen des Gegners um 20–30 Kilometer schaffe daher eine zusätzliche Bedrohung für die rückwärtigen Gebiete, da taktische Schlagdrohnen aus kürzerer Entfernung zu den Stellungen der Verteidigungskräfte gestartet werden könnten.
Ukrainische Abfangdrohnen als Gegengewicht
Gleichzeitig betonte Pivnjenko, dass die ukrainischen Streitkräfte Abfangdrohnen aktiv nicht nur gegen iranische „Scheheds', sondern auch gegen andere Drohnenarten – „Mavics', „Molnijas' – sowie gegen logistische Objekte des Gegners einsetzen. Dies senke nach seinen Worten die Effektivität der Luftangriffe der Besatzer erheblich und ermögliche es, die zahlenmäßige Überlegenheit in einzelnen Drohnenkategorien auszugleichen.
Die aktuelle Lage an der Front und Desinformation
Zur Erinnerung: In den letzten Tagen haben die Verteidigungskräfte der Ukraine Erfolge in den Richtungen Charkiw, Donezk und Dnipropetrowsk verzeichnet. Darüber hinaus gelang es den ukrainischen Streitkräften, mehrere Offensive der russischen Truppen zu stoppen. In diesem Zusammenhang hatte RBC-Ukraine zuvor berichtet, dass die Aussagen der russischen Propaganda und des russischen Verteidigungsministeriums über eine angebliche Einkesselung ukrainischer Truppen im sogenannten „Woltschansker Kessel' sowie über die Eroberung mehrerer Ortschaften der Realität nicht entsprechen.
Widersprüchliche Angaben
In den Aussagen Pivnjenkos ist eine geringfügige Unstimmigkeit in den Zahlen zur Tiefe eines möglichen Vordringens zu erkennen. Einerseits nennt er 10–20 Kilometer als Obergrenze, bis zu der die russischen Truppen aus dem Norden vordringen könnten. Andererseits operiert er bei der Besprechung der Drohnenbedrohung durch „Molnija' in Richtung Tschernihiw mit einer Tiefe von 20–30 Kilometern. Dies könnte bedeuten, dass der Gegner an einzelnen Punkten der Tschernihiw-Richtung zu einem kurzzeitigen Vordringen etwas über dem Durchschnittswert in der Lage ist, oder dass 20–30 Kilometer nicht die tatsächliche Frontlinie, sondern eine Zone sind, aus der bereits der Start von Schlagdrohnen möglich ist. Die genaue Interpretation dieser Zahlen bleibt Gegenstand der Debatte unter Militäranalysten.