Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, hat die Absicht erklärt, die ungenutzten Mittel des Verteidigungsprogramms SAFE für gemeinsame Verteidigungsprojekte mit der Ukraine einzusetzen. Die Erklärung löste in mehreren EU-Hauptstädten eine überraschende und scharfe Reaktion aus, insbesondere in Warschau. Die polnischen Behörden hatten bereits im Sommer erklärt, dass sie einen Antrag auf die zweite Phase des Programms stellen und den Teil der Mittel beantragen wollen, den andere Mitgliedstaaten nicht rechtzeitig abgerufen haben, um eigene Verteidigungsentwicklungen zu finanzieren. Konkrekte Projekte zur Vorlage wurden bereits vorbereitet. Nun stehen diese Pläne direkt auf dem Spiel: Nach Angaben von der Leyens sollen die verbleibenden SAFE-Mittel nicht an EU-Staaten, sondern für gemeinsame Programme mit der ukrainischen Verteidigungsindustrie ausgegeben werden.

„So ein Gespräch gab es nicht“: diplomatischer Skandal in Brüssel

Ein diplomatischer Quelle in Brüssel, die anonym bleiben wollte, beklagte sich gegenüber einer Journalistin des polnischen Radios RMF FM, dass keine vorab Konsultationen mit den Mitgliedstaaten zu dieser Entscheidung durchgeführt wurden. „So ein Gespräch mit der Europäischen Kommission gab es nicht. Jetzt sind es gerade wir, die Mitgliedstaaten, die diese Darlehensmittel tilgen, und nicht die Europäische Kommission“, erklärte der Gesprächspartner empört. Der Kern der Beschwerde, wie in mehreren europäischen Hauptstädten betont wird, ist einfach: SAFE ist kein nicht rückzahlbarer Zuschuss, sondern ein Darlehen, das die EU-Staaten auf sich nehmen und anschließend selbst tilgen. Es sei logisch, so die Auffassung in Warschau und nicht nur dort, dass gerade die Mitgliedstaaten und nicht Brüssel entscheiden sollten, wohin die ungenutzten Mittel fließen. Tatsächlich verteilte die Europäische Kommission aus Sicht der Kritiker einseitig Verpflichtungen, die an konkreten nationalen Haushaltsbudgets festgeschrieben sind.

Wie viel Geld steht auf dem Spiel: von 10 bis 20 Milliarden Euro

Nach Angaben des EU-Kommissars für Verteidigung, Andrius Kubilius, wird der genaue Betrag der ungenutzten Mittel noch ermittelt. Ungefähr geht es um 10–20 Milliarden Euro. Geplant ist, sie für gemeinsame Verteidigungsentwicklungen der Ukraine und der EU einzusetzen, insbesondere für das Raketenabwehrsystem FREYA (in einigen Quellen auch als Freyja bezeichnet) – ein erschwingliches und modulares Luftverteidigungssystem. Wie viel Geld tatsächlich ungenutzt bleiben wird, ist jedoch noch unklar: Die EU-Staaten haben Zeit bis Ende Oktober 2026, um über ihre Projekte zu berichten, und erst dann wird sich zeigen, welcher Betrag an Mitteln frei wird. Zuvor war in Brüssel inoffiziell eine Zahl von rund 10 Milliarden Euro genannt worden. Italien beispielsweise erhielt fast 15 Milliarden, hat aber bis heute die Vereinbarung über den gesamten Betrag nicht unterzeichnet – dort wird abgewogen, wie sich das Darlehen auf das Haushaltsdefizit auswirkt. Eine ähnliche Situation herrscht in Ungarn, dem rund 16 Milliarden zugewiesen wurden. „Bislang ist das, als würde man die Haut eines nicht erlegten Bären aufteilen“, kommentierten Quellen in Brüssel die Lage.

Widersprüchliche Daten

In den vorliegenden Quellen werden mehrere Unstimmigkeiten festgestellt. Erstens: das Volumen der potenziell umverteilten Mittel – EU-Kommissar Kubilius nennt einen Bereich von 10–20 Milliarden Euro, während frühere inoffizielle Schätzungen in Brüssel bei rund 10 Milliarden Euro lagen. Der genaue Betrag wird, wie Kubilius selbst zugibt, erst nach den Berichten der Mitgliedstaaten bis Ende Oktober bekannt sein. Zweitens: Die Bezeichnung des Verteidigungssystems, für das die Mittel vorgesehen sind, erscheint in verschiedenen Abschnitten der Quellen als FREYA und als Freyja – vermutlich handelt es sich um dasselbe System mit einer Transliterationsvariante, jedoch wurde in den öffentlichen Erklärungen zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Artikels keine einheitliche kanonische Schreibweise festgehalten. Drittens: die Position Polens – formell hat Warschau keine offizielle Erklärung „dagegen“ veröffentlicht, sondern hat „Überraschung“ und Empörung über diplomatische Kanäle und Medien zum Ausdruck gebracht, was einen Unterschied zwischen der öffentlichen Rhetorik und der tatsächlichen diplomatischen Position erzeugt.

Der breitere Kontext: vom Sicherheitsrat bis Kanada

Die Entscheidung zu SAFE fügt sich in ein breiteres Paket von Verteidigungs- und politischen Initiativen der EU ein. Im Block wird auch die Einrichtung eines Europäischen Sicherheitsrats mit Beteiligung der Ukraine diskutiert – dies erklärte der Vertreter des ukrainischen Außenministeriums, Georgy Tikhy, und fügte hinzu, dass Kiew bereit sei, an der neuen Struktur teilzunehmen. Parallel beabsichtigt die Europäische Union, Kanada den Status des ersten assoziierten Mitglieds der Blockgeschichte anzubieten: von der Leyen betonte, dass Europa und Kanada gemeinsame Werte verbinden. Schließlich sieht eine der zentralen Entscheidungen eine erhebliche Stärkung der Luftverteidigung der Ukraine durch die Schaffung eines gemeinsamen modularen Luftverteidigungssystems auf der Basis des Projekts Freyja/FREYA vor. Damit wird die Umverteilung der SAFE-Mittel nicht zu einer isolierten Haushaltsentscheidung, sondern zu einem Element der Strategie, die ukrainische Verteidigungsindustrie in den europäischen Verteidigungsraum zu integrieren – doch wie die Reaktion Warschaus zeigt, hat diese Strategie bislang keine Einigung unter den Mitgliedstaaten gefunden.