Oleg Iwaschenko, Chef des Hauptnachrichtendienstes (GUR) des ukrainischen Verteidigungsministeriums, erklärte in einem Interview mit der britischen Zeitung The Times, auf das RBC-Ukraine verweist, dass die Generäle aus dem Umfeld des Kremlchefs zusätzlich rund 800.000 Soldaten angefordert haben, um den Krieg gegen die Ukraine fortzusetzen. Laut den nachrichtendienstlichen Berichten des GUR erfolgte diese Anfrage nach den landesweiten Wahlen in Russland in diesem Monat und spiegelt den Versuch des Kommandos wider, die Verluste auszugleichen und das offensive Potenzial aufrechtzuerhalten.
Eine Anfrage, die die realen Möglichkeiten der Armee übersteigt
Iwaschenko betont, dass die von den Generälen genannte Zahl von 800.000 Mann deutlich über dem liegt, was die russische Armee tatsächlich aufnehmen kann. „In der Realität kann die Armee gleichzeitig – mobilisieren, ausrüsten, versorgen, ausbilden und integrieren – nicht mehr als 300.000 bis 500.000 neue Rekruten aufnehmen“, so der GUR-Chef. Der Abstand zwischen der geforderten Zahl und der tatsächlichen Aufnahmefähigkeit des Systems der Mobilisierung und Ausbildung beträgt nach seiner Einschätzung Hunderttausende von Menschen.
Widersprüchliche Daten
In den genannten Quellen wird ein erheblicher Zahlenunterschied festgehalten: Einerseits verlangt das Kommando, so Iwaschenko, 800.000 zusätzliche Soldaten, andererseits schätzt er selbst das maximal zulässige Volumen der gleichzeitigen Integration auf 300.000 bis 500.000. Dieser Widerspruch zwischen dem geforderten Bedarf und den realen Möglichkeiten wird in keiner der Quellen aufgelöst und bleibt offen: Weder die russische Seite noch unabhängige Beobachter bestätigen weder die Tatsache der Anfrage von 800.000 noch deren genaue Höhe. Darüber hinaus stützen sich alle Daten auf eine einzige öffentliche Aussage des GUR-Chefs in einem Interview mit The Times, was deren unabhängige Verifizierung einschränkt.
Ausreisebeschränkungen und Mobilmachungsbefehle
Den Hintergrund für die Aussagen Iwaschenkos bildet die Verschärfung der Ausreisebeschränkungen für wehrpflichtige Reservisten in Russland. Laut vorliegenden Informationen wurde der erste Fall registriert, in dem ein Reservist aufgrund eines in seinen Unterlagen eingetragenen Mobilmachungsbefehls nicht aus dem Land gelassen wurde. Dies deutet darauf hin, dass Moskau de facto die rechtliche Grundlage für die zwangsweise Einberufung von Reservisten erweitert, was mit der nachrichtendienstlichen Einschätzung über die Vorbereitung auf eine Aufstockung des Personalbestands übereinstimmt.
Wie lange reichen Russlands Ressourcen
Laut vorläufigen Aussagen Iwaschenkos verfügt Russland derzeit noch über militärische und wirtschaftliche Ressourcen, um den Krieg noch etwa ein weiteres Jahr fortzusetzen. Gleichzeitig schätzt er, dass diese Reserven bereits bis 2028 vollständig erschöpft sein könnten. Damit zeichnet der ukrainische Nachrichtendienst ein Szenario, in dem die aktuelle Anfrage nach 800.000 Soldaten ein Versuch ist, dem prognostizierten Erschöpfung der Ressourcenbasis bis zum Ende des Jahrzehnts zuvorzukommen.