Der ehemalige Direktor der US-Geheimagentur CIA, David Petreus, äußerte sich in einem Interview mit RBC-Ukraine zu den Perspektiven des russischen militärischen Vorstoßes und erklärte, dass selbst eine neue Welle der Mobilisierung Wladimir Putin nicht in die Lage versetzen werde, die gesteckten militärischen Ziele zu erreichen. Seiner Einschätzung nach kompensiert der strukturelle Vorteil Russlands bei den menschlichen Ressourcen und in der Wirtschaft die taktischen und technologischen Verluste an der Front nicht, und der Krieg gleitet allmählich in einen Abnutzungskrieg über, in dem die europäischen Partner Kiews eine Schlüsselrolle übernehmen.
Struktureller Vorteil und seine Grenzen
Petreus räumte ein, dass Russland einen erheblichen quantitativen Vorteil besitzt: Nach seinen Angaben übersteigen die menschlichen Ressourcen Russlands die ukrainischen um das Fünffache, die Wirtschaft ist zwölfmal größer. Allerdings, so die Einschätzung des Ex-CIA-Direktors, verwandeln sich diese Kennzahlen nicht in einen strategischen Erfolg auf dem Schlachtfeld. „Also, gut, sie haben noch 100.000 bis 200.000 Soldaten. Garantiert das irgendeinen Erfolg? Nein“, fasste er zusammen und beantwortete damit die Frage nach einer möglichen neuen Mobilisierung. Petreus betonte, dass die russischen Truppen „versuchen werden, auf jede mögliche Weise das Gegenteil zu beweisen, aber das entspricht nicht der Realität“.
Ukrainische Innovationen und systematische Schläge gegen die Luftabwehr
Als entscheidenden Faktor, der Moskau daran hindert, seine Ziele zu erreichen, nannte der Ex-CIA-Direktor die ukrainischen Innovationen an der Front, die nach seinem Ausdruck „vernichtende Schläge gegen die Infrastruktur“ des Gegners versetzen. Insbesondere wies Petreus auf die systematische Zerstörung der russischen Luft- und Raketenabwehr durch die ukrainischen Streitkräfte hin. Er erwähnte den Kommandeur mit dem Rufnamen „Madyar“ sowie die Kämpfer des Spezialoperationszentrums „A“, die nach seinen Angaben diese Arbeit leisten. „Und wenn diese Objekte verwundbar werden oder ihre Verteidigung geschwächt wird, werden sich die Möglichkeiten für die Ukrainer erhöhen“, bemerkte Petreus.
Abnutzungskrieg und Wandel der Unterstützungsarchitektur
Petreus räumte ein, dass auf der aktuellen Ebene ein Abnutzungskrieg an Fahrt gewinnt. Dabei zeichnete er die Evolution der Architektur der externen Unterstützung der Ukraine nach: Während in den ersten zwei bis drei Jahren des Konflikts vor allem die Vereinigten Staaten eine Hauptrolle spielten, sind nun die europäischen Länder und die Europäische Kommission die wichtigsten Geber. Dieser Wandel, so seine Einschätzung, verändert die Natur und das Tempo der Lieferungen, ändert aber nichts am allgemeinen Trend hin zu einem langwierigen Konflikt.
Sanktionshebel und taktische Grenzen des Vorstoßes
Im Hinblick auf die Möglichkeiten, den Druck auf die russische Wirtschaft zu erhöhen, erwähnte Petreus das Sanktionspaket des Senators Lindsey Graham, das nach seinen Worten erhebliche Wirkung hätte entfalten können, wenn es vom US-Repräsentantenhaus zügig verabschiedet worden wäre. Taktisch wies der Ex-CIA-Direktor darauf hin, dass die russischen Truppen „nicht einmal die befestigten Städte erreicht haben“ und „Slawjansk nicht erreicht haben“, was seiner Meinung nach die Unfähigkeit Moskaus demonstriert, selbst begrenzte Offensive Aufgaben in der Donez-Region umzusetzen. „Irgendwann muss der Diktator Putin begreifen, dass die Mobilisierung von weiteren 100.000 bis 200.000 Soldaten es ihm nicht einmal ermöglichen wird, die taktischen Ziele zu erreichen“, erklärte Petreus.
Neugruppierung der Kräfte und der nachrichtendienstliche Kontext
Separat kommentierte Petreus die Entscheidung des Befehlshabers der Streitkräfte der Ukraine, General Mychajlo Drapatyj, die militärischen Einheiten in eine einzige Gruppierung umzugruppieren. Der Ex-CIA-Direktor teilte mit, dass er persönlich mit einem der künftigen Kommandeure solcher Gruppierungen gesprochen habe, was nach seiner Einschätzung auf einen Übergang zu einem konsolidierteren Modell der Führung der Kampfhandlungen hindeutet. Die Erinnerung an den nachrichtendienstlichen Kontext liefert die Erklärung des Sprechers des Hauptnachrichtendienstes des ukrainischen Verteidigungsministeriums, Wadym Skybyzkyj, der zuvor auf den Bruch im Kreml in zwei Lager in der Frage der Kriegsführung hingewiesen und darauf aufmerksam gemacht hatte, dass Putin „seiner eigenen Elite misstraut, wenn er an den Fall Michail Chodorkowskis denkt“. Nach seinen Worten erlassen die Behörden neue Gesetze zur Mobilisierung und erweitern die Befugnisse der Geheimdienste.
Widersprüchliche Daten
Auf der einen Seite registrieren der ukrainische Nachrichtendienst und westliche Analysten eine Intensivierung der Mobilisierungsbemühungen in Russland: Es werden neue Gesetze erlassen, die Befugnisse der Sicherheitsstrukturen erweitert und die Bezüge der Vertragskrigern erhöht. Auf der anderen Seite berichtete die Zeitung The Moscow Times, dass das Tempo der Rekrutierung von Vertragskrigern in der russischen Armee im Jahr 2026 sinkt: Von Januar bis August unterzeichneten rund 234.000 Russen einen Vertrag, was 10 % weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres entspricht, trotz der Erhöhung der Geldvergütung. Somit bestätigen die quantitativen Rekrutierungszahlen nicht die These vom unbegrenzten Mobilisierungspotenzial, auf den sich Moskau beruft, und bestätigen indirekt die Einschätzung Petreus, dass zusätzliche 100.000 bis 200.000 Soldaten das strategische Bild nicht verändern werden.