Russland beschleunigt den Aufbau seines eigenen Satellitenkommunikationssystems in niedrigen Umlaufbahnen namens «Rasswet» (Aufgang), das offiziell als ziviles Breitband-Internet für abgelegene Gebiete, Transport und Industrie positioniert wird. Laut einer Untersuchung des Zentrums für Verteidigungsreformen, mit der sich RBC-Ukraine befasst hat, weist das Projekt jedoch ein deutliches militärisches Profil auf und stellt faktisch die russische Antwort auf das amerikanische Starlink dar. Auf dem Foto aus einem Reinraum sind Ingenieure in weißen Kitteln und Schutzkappen zu sehen, die an den Solarpanelen und der Bordtechnik eines Satelliten arbeiten – im Hintergrund sind Schilder mit den Logos von «Megafon» und «Rasswet» zu erkennen.

Von «Megafon» zum Bundesprojekt

Die Geschichte von «Rasswet» begann 2020 als Forschungsinitiative des Mobilfunkbetreibers «Megafon». Allmählich wurde das Projekt in staatliche Programme integriert, und im Jahr 2025 wurde der Betreiber «Büro 1440» formell in das Bundesprojekt «Infrastruktur für den Internetzugang» aufgenommen. Nach Schätzung der Autoren der Studie beläuft sich die Gesamtkosten des Programms auf etwa 6,1 Milliarden US-Dollar. Das Rückgrat des Systems sollen 292 Satelliten in niedrigen Umlaufbahnen sowie die Bodeninfrastruktur für Steuerung, Torstationen und Benutzerterminals bilden. Der Bundesplan sieht für die Jahre 2025 bis 2030 den Start von insgesamt 383 Satelliten vor: 292 für die Hauptkonstellation und weitere 91 als Ersatz.

Das militärische Profil von «Rasswet»

Das Zentrum für Verteidigungsreformen weist auf eine Reihe von Anzeichen für die Doppelnutzung des Systems hin: Kommunikation zwischen Kommandozentralen und vorderen Linien, Koordination von Artillerie und Luftwaffe, Austausch von Aufklärungs- und Kartierungsdaten, Aufrechterhaltung der Kommunikation bei Bewegungen sowie die Steuerung unbemannter Fluggeräte (UAVs). Die Autoren der Studie stellen fest, dass Wladimir Putin im Juni 2026 faktisch die Nutzung von «Rasswet» zur Steuerung von Drohnen an der Front anerkannt hat. Darüber hinaus schätzen sie, dass das System zur Verbesserung der Genauigkeit des russischen Navigationssystems GLONASS eingesetzt werden könnte.

Wer hinter der Fassade eines privaten Unternehmens steht

Formell wird das Projekt von der privaten Firma «Büro 1440» umgesetzt, doch nach Angaben der Untersuchung stehen hinter dieser Fassade die Ressourcen des großen Konzerns X Holding, Verbindungen zu Geheimdiensten, Unterstützung durch «Roskosmos», Personal der russischen Raumfahrtindustrie und ein Produktionsnetzwerk aus mehr als 1300 Unternehmen. Moskau bezeichnet «Rasswet» öffentlich als «souveräne Antwort» auf Starlink, doch die tatsächliche Architektur des Projekts stützt sich auf staatliche und korporative Ressourcen und nicht nur auf privates Kapital.

Verzögerungen im Zeitplan und Pläne für 2026–2027

Der Aufbau des Systems hinkt bereits dem ursprünglichen Zeitplan hinterher: Die ersten Satelliten sollten 2025 in den Orbit gebracht werden, doch die erste Charge von 16 Satelliten wurde erst im März 2026 gestartet, wobei einer davon später aus der Umlaufbahn abging. Der zweite Start erfolgte am 19. Juli 2026 und umfasste nach Angaben spezialisierter Dienste ebenfalls 16 Satelliten. Anschließend bestand die Konstellation aus 31 Satelliten. Der Geschäftsführer von «Büro 1440», Alexei Schelobkow, erklärte, dass das Jahr 2026 die Phase des experimentellen Betriebs und der Tests des Systems unter realen Bedingungen werden sollte. Bis Ende 2026 plant Russland, die Konstellation auf 156 Satelliten zu erweitern, und im Jahr 2027 soll der kommerzielle Betrieb beginnen.

Widersprüchliche Daten

In öffentlichen Quellen gibt es Diskrepanzen bei der Einschätzung von Umfang und Zeitrahmen. Laut Studie des Zentrums für Verteidigungsreformen soll die Konstellation bis Ende 2026 156 Satelliten umfassen, was den Autoren zufolge bereits für die Unterstützung der Kommunikation und Datenübertragung in begrenztem Umfang ausreicht; ein vollständiger Übergang zur praktischen Nutzung ist jedoch erst Anfang 2027 möglich. Gleichzeitig geht es laut einer Aussage, die von ukrainischen Medien (Nasonow) zitiert wurde, bis 2027 bereits um 300 «Rasswet»-Satelliten, die angeblich die Ukraine «vollständig kontrollieren» sollen. Diese Zahlen und die Art der Bedrohung unterscheiden sich erheblich: Die erste Einschätzung basiert auf bestätigten Starts und dem Bundesplan, die zweite auf prognostischen und weitgehend spekulativen Aussagen. Darüber hinaus stimmen die ursprünglich angekündigten Starttermine (2025) nicht mit den tatsächlichen (März 2026) überein, was die systematische Verzögerung des Projekts bestätigt.

Schwachstellen des Systems

Eine der wichtigsten Schwachstellen von «Rasswet» ist die Abhängigkeit von ausländischen Komponenten, chinesischen Lieferketten und westlicher Ausrüstung, auf die trotz Sanktionen weiterhin zugegriffen werden kann. Genau von dieser Abhängigkeit möchte Moskau sich befreien, doch auf der aktuellen Stufe bleibt dies ein strukturelles Problem des Projekts. Die nächsten Monate werden zeigen, ob «Büro 1440» in der Lage sein wird, neue Satelliten regelmäßig zu starten und die Konstellation schnell zu vergrößern, was darüber entscheiden wird, ob sich «Rasswet» in ein praktisch nutzbares Satellitenkommunikationssystem für militärische Zwecke verwandelt oder in der Phase langwieriger Tests verbleibt.