Die Rückkehr der Bedrohung aus dem Norden war das Hauptthema des morgendlichen Briefings ukrainischer Militärexperten. Serhij Besskrystnow, Berater des ukrainischen Verteidigungsministers und in Fachkreisen unter dem Spitznamen „Flash“ bekannt, gab besorgniserregende Daten bekannt: Die russischen Streitkräfte haben wahrscheinlich die Nutzung des belarussischen Territoriums zur Weiterleitung von Steuerungssignalen für Kampfdrohnen wieder aufgenommen.
Anlass für diese Schlussfolgerungen war der morgendliche Angriff auf eine Tankstelle in der Stadt Malyn. Laut ukrainischen Radarsystemen nahm ein feindlicher gelenkter Raketen-Drohne vom Typ „Schahed“ eine komplexe Flugbahn ein. Das UAV flog entlang der belarussischen Grenze, überquerte dann die Autobahn im Raum Korosten und griff erst nach einer Kursänderung ein Infrastrukturziel an.
Technische Unmöglichkeit ohne Vermittler
Experten bezeichnen das Verhalten der Drohne als „zielgerichtet“ und charakteristisch für eine manuelle Steuerung über eine eingebaute Kamera. Ein Schlüsselfaktor, der auf die Nutzung von Relaisstationen hindeutet, war die Geografie des Fluges. Die Entfernung vom Angriffspunkt bis zur russischen Grenze beträgt etwa 260 Kilometer. Auf eine solche Distanz funktioniert eine direkte Funkverbindung zur Steuerung nicht. Zudem befanden sich zu diesem Zeitpunkt keine anderen Relais-Drohnen in der Luft, die eine Verbindung hätten herstellen können.
„Es ist für die Russen von kritischer Bedeutung, den Westen der Ukraine mit online-gesteuerten Drohnen anzugreifen, doch ohne Relaisstationen in Belarus können sie dies nicht umsetzen“, betonte Serhij Besskrystnow.
Szenarien zur Nutzung der Infrastruktur
Die Situation mit den Relaisstationen bleibt unklar. Der Berater des Leiters des Verteidigungsressorts schließt nicht aus, dass die Ausrüstung „schnell und einfach“ installiert werden könnte, möglicherweise sogar ohne Wissen der offiziellen belarussischen Behörden.
„Ob Lukaschenko den „dringenden Bitten“ um Relaisstationen standhalten kann, weiß ich nicht. Ich schließe auch nicht aus, dass Relaisstationen ohne Wissen der belarussischen Behörden installiert werden könnten“, merkte der Experte an.
Endgültige Schlussfolgerungen müssen von den zuständigen Diensten nach einer detaillierten Analyse der Lage und der Abfangung von Funksignalen gezogen werden.
Diplomatische und militärische Vorgeschichte des Konflikts
Das Problem der Relaisstationen ist in den letzten Monaten zu einem der schärfsten Themen in den Beziehungen zwischen Kiew und Minsk geworden. Bereits am 19. Juni wandte sich der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj mit einem Ultimatum an Alexander Lukaschenko: Die Relaisstationen innerhalb einer Woche zu demontieren. Der Staatsoberhaupt warnte, dass die Ukraine diese Objekte im Falle fehlender Reaktion eigenständig zerstören werde.
Aufgrund dieser Erklärungen berichteten belarussische Medien über die Einstellung von Flügen russischer Drohnen entlang der Grenze. Am 24. Juni bestätigte Selenskyj, dass die Relaisstationen nicht mehr funktionieren. Doch die Situation erwies sich als zyklisch: Kürzlich berichtete der Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, Oleksandr Syrskyj, dass Belarus eines der Relais erneut aktiviert habe, woraufhin er erklärte, dass dies nicht wieder vorkommen werde.